Avenor

Der Helfer · Kapitel 1

Das erste Leben: Identitätsrise

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„WWWWo, wo bin ich?“. Ich erwache aus einem wirren Traum. In diesem gehe ich eine kalte Betontreppe hinunter. Plötzlich fällt mir ein merkwürdiges Behältnis auf. Verwirrt nähere ich mich dem seltsamen Gegenstand. Ich ziehe ungläubig die Luft ein: es ist ein gläserner Sarg. Und er ist nicht leer! Mit auf der Brust gekreuzten Händen liegt dort der amtierende Papst, in seinem vollen Ornat. Die Kleidung erscheint im makellosem weiß, kein Schmutzpartikel ist zu erkennen. Magisch angezogen, ob der seltsamen Situation, nähere ich mich dem Pontifex. Er scheint friedlich zu schlafen und ich dämpfe meine Schritte, um ihn nicht zu wecken. Plötzlich öffnet er überraschend seine Augen und blickt mich mit einem freundlichen Lächeln direkt an. Er hält mir aus seinem gläsernen Gefängnis etwas entgegen. Seine Hände sind perfekt manikürt: „Schokolade gefälligst?“. Im Traum schreie ich erschrocken auf - und bin plötzlich hellwach.

Es ist kein schönes Erwachen. Mein Gehirn versucht in die Wirklichkeit zurückzufinden. Aber was ist die Wirklichkeit? Nicht die geringste Ahnung habe ich, wo ich mich jetzt, in diesem Zeitpunkt befinde. Es ist, als ob ich mich bei stürmischer See auf einer Nussschale befinde und unaufhaltsam immer weiter auf das offene Meer getrieben werde. Ich brauche einen Anker, aber ich finde diesen nirgends. Ich bin am Arsch. Panik springt mich wie ein wildgewordener Fleischfresser an: „Wo bin ich?“.

Mit einiger Mühe befreie ich mich aus einer straff gespannten Bettdecke, in die ich mich verkrochen habe, um der eisigen Klimaanlage zu entgehen. Mit der linken, freien Hand taste ich zitternd nach dem Lichtschalter der Nachtischlampe. Das plötzlich erstrahlende Licht blendet mich und langsam gewinnen schemenhaften Konturen meiner Umgebung an Substanz. Kurz presse ich meine Augenlider zu, um sie gleich wieder zu öffnen. Das Bild gewinnt beachtlich an Schärfe und nun erkenne ich ein spärlich beleuchtetes, typisches Hotelzimmer. Gefühlt habe ich bereits zwanzigtausend dieser Zimmer gesehen. Die schweren Vorhänge sind zugezogen. „WO … BIN … ICH???“. Die Frage wiederholt sich wieder und wieder in meinem rotierenden Geist. Und mit jedem teuflischem Echo wird sie drängender, schrecklicher. Schließlich bleibt die Erkenntnis, dass mich diese einfache Frage überfordert; ich schlicht keine Antwort weiß.

Ein widerwärtiges Gefühl von Hilflosigkeit beginnt sich schleichend in mir auszubreiten. Ich bilde mir ein, dass sich das Zimmer um mich zu drehen beginnt, dann abwechselnd zu schrumpfen und wieder auszudehnen. Mein Herz scheint die unnatürliche Bewegung der Umgebung erwidern zu wollen und pocht heftig in einem irrationalen Rhythmus. Das Fenster! Fast falle ich aus dem Bett, lande unsanft auf den kalten Boden und gehe schwankend wie ein Betrunkener auf die Vorhänge zu. Die Antwort? Wo ist die verdammte Antwort. Wobinichwobinichwobinich … . Als ich mein Ziel erreiche und die schweren Vorhänge endlich zurückschlage, geben sie den Blick auf eine typische Millionenstadt frei. Es ist Nacht, aber ich erkenne ohne Probleme gesichtslose Gebäude aus Stahl und Glas, verbunden durch ein, selbst zu dieser Uhrzeit, pulsierendes Netz aus stark befahrenden Straßen. Mein Zimmer muss sich etwa zwanzig oder mehr Stockwerke vom Erdboden entfernt befinden. Warum kommt keine Antwort? Ich lehne mich etwas nach vorne, Richtung der Scheibe, welche für einen grotesken Moment wie ein UFO über der Stadt zu schweben scheint. Langsam presse ich meine Stirn an das kalte Glas. Die Kälte dringt durch Fleisch und Knochen an mein sich überschlagendes Gehirn. Die Gedanken werden klarer. Zusammenhänge werden wieder deutlich. Erinnerung setzt ein. Endlich. Die gesichtslose Millionenstadt da unten. Es ist Manila.

Ich bin Entwicklungshelfer. Zugegeben, lediglich ein kleines Licht irgendwo zwischen Projektanbahnung, Projektplanung und Projektkoordination. Aber ich komme viel rum. Ich sah den Zusammenbruch der Sowjetunion, die Radikalisierung und die Revolutionen des Nahen Ostens und Nordafrikas, die Entwicklung von Demokratien zu Diktaturen in Zentralasien, der Aufstieg zu gnadenlosen Marktwirtschaften in China und Süd- und Südostasien, der Griff der Kartelle zur Macht in Mittel- und Süd-Amerika und das fast schon unerträgliche Ansteigen der Armut in Ost- und West-Afrika. Wie gesagt ich komme viel rum. Diese Woche war ich bereits in drei asiatischen Millionenstädten. Oder waren es vier? Manchmal verliere ich die Übersicht, aber das wundert mich nicht wirklich: Zeitverschiebung, unterschiedliches Klima, Kulturen, Essen, Menschen … . Gar nicht so einfach immer die nötige Flexibilität aufzubringen. Meistens arbeite ich allein. Mein Tipp um diesen Job zu machen? Immer ein, zwei Schritte weiter sein als alle anderen. Alles muss nicht nur einmal, sondern zig-Mal durchdacht werden, und am Besten aus zig verschiedenen Perspektiven. Alle potentiellen Fragen, alle potentiellen Probleme sollten bereits im Vorfeld eines Einsatzes durchdacht sein. Gleichzeitig sollte man immer auf seine Instinkte achten, denn viel Wichtiges zeigt sich in feinen Zwischentönen und kleinen Gesten.

Sehr hilfreich für den Job des „Entwicklungshelfers“ (es wird später noch deutlich, warum ich diesen Begriff in Anführungszeichen gesetzt habe) ist die folgende Erkenntnis: man ist allein; auf sich gestellt. Und man ist auch der Einzige auf dem man sich ohne Einschränkungen verlassen kann. Niemand kennt einen, man kommt von Außerhalb. Gehört nicht zum System. Jeder kann dies in deinem Gesicht sehen. In Schwarz-Afrika bis du der „Muzungu“ (bedeutet in etwa „unheimlicher weißer Mann“), in Asien die „Langnase“ und in Lateinamerika schließlich der „Gringo“. Du musst in der Lage sein, ohne schützende Heimat-Organisation um dich herum aktiv sein zu können. Vorurteilen zu trotzen oder besser noch: zu deinen Gunsten ausnutzen. Selbst bezeichne ich mich als eine Art Söldner. Meine „Waffe“ ist mein Talent Strukturen zu erkennen und kreative Lösungen zu deren Verbesserung zu entwickeln.

Und ja, natürlich ich bin käuflich. Oft entwickle ich Konzepte als eine Art Unternehmensberater für Banken, aber morgen muss ich lediglich eine Studie in der Asean Development Bank hier in Manila abholen. Eine öffentliche Einrichtung, welche Entwicklungshilfe-Projekte finanziert und gut, nein, sehr gut, zahlt. Wahrscheinlich werde ich noch ein paar Fragen zu einer öffentlichen Ausschreibung über 3,5, Millionen Dollar stellen müssen, für die sich mein Arbeitgeber interessiert und auf die er sich wahrscheinlich bewerben möchte. Was für eine beschissene Nacht! In meinem Kopf wirbeln die Gedanken. Hoffentlich kann ich noch ein wenig schlafen.

Am nächsten Morgen fühle ich mich unausgeschlafen und irgendwie wie ein fünfmal aufgekochter Teebeutel. Nicht wirklich ein Wunder nach dieser Nacht. Irgendwie komme ich aus dem Bett, dusche mich routiniert und kaue gedankenverloren und mechanisch mein „Continental breakfast“. Mit den Gedanken bin ich ganz woanders und so schmeckt jeder Bissen gleich. Abwesend schaue ich mich um. Das Hotel ist fest in chinesischer Hand, wie große Teile der Wirtschaft Südostasiens. An besseren Tagen, schaue ich mir Morgens die zu recht gelangweilten Angestellten an und erfinde spontan Episoden einer imaginären Daily-Soap „The Breakfast Room“, wo unbemerkt von den erloschenen Gästen des Hotels Liebe und Intrigen unter den nur oberflächlich emotionslosen Bediensteten herrschen. Heute gibt es aber keine neue Folge vom „Beakfast Room“, obwohl Kellnerin Wu mit Wang, dem Omelette-Koch nur zusammen ist, um Ma, die eifersüchtige Haupt-Kassiererin für 120 zu faltende Servietten zu straffen. Halt, stop! Spontan beschließe ich satt zu sein, binde mir einen grauen, billigen Seiden-Schlips aus Thailand um und suche die Hotel-Lobby auf. Die Freundlichkeit ist wie meistens professionell und nach all den Jahren habe ich immer noch ein unangenehmes Gefühl, wenn man mir die Tür aufhält. Im nächsten Moment bin ich draußen an der „frischen“ Luft, die aufdringlich riechend von Abgasen durchsetzt ist und mich sofort drückend schwül umgibt. Es ist zum Glück nur ein kurzer Moment, dann wird mein Taxi herbei gewunken und ich steige fast erleichtert ein.

Mein Ziel, die Asean Development Bank, sollte eigentlich in Teheran stehen. Aber dann hatte der Schah, als amtierender Diktator rumgezickt. Und so wurde der Standort dieser mächtigen Geberinstitution, wie alle Organisationen heißen, welchen in der Entwicklungshilfe Gelder für Projekte lockermachen, auf die Philippinen verlegt. Die Philippinen! Wie nett, dachte ich vor der Ausreise aus Deutschland. Aus dem Flugzeug sehen die verschiedenen Inseln, über die der Flieger im Landeanflug glitt, traumhaft, tropisch aus. In der Hauptstadt angekommen ist von diesem positiven Eindruck kaum etwas geblieben. Im Vorbeischauen, sehe ich nun lediglich die Vororte einer übervölkerten Millionenmetropole. Flüchtig beobachte ich die Bewohner der schäbigen Hütten, welche dem urbanen Moloch einen weiteren Tag ihres Überlebens abtrotzen. Ungerührt schiebt sich das Taxi durch das tagtägliche Verkehrschaos. Meter um Meter, mit entnervender Langsamkeit. Immer wieder fällt die Klimaanlage des Wagens aus. Ich versuche es mir auf den abgewetzten Ledersitzen so bequem wie möglich zu machen. Das frische Hemd ist schon längst durchgeschwitzt und klebt unangenehm klamm an meinem Körper. Im Radio schreien sich zwei alte Männer an, nur ununterbrochen durch Webespots, die so plump zum Konsum aufrufen, dass ich dies ohne Kenntnis der Sprache erkennen kann. Der Taxifahrer, ein netter Kerl mit einer strubbligen Frisur, die ein wenig danach aussieht, als ob er in seinem Wagen übernachten würde, bemüht sich redlich um Konversation. Er sieht jugendlich aus, vielleicht ist er das auch, doch der Eindruck wird durch seine kaum mehr vorhandenen Zähne erschwert. „Wo ich herkomme?“ werde ich mit schadhaftem Lächeln gefragt. „Aus Norwegen!“ „Häh?“ „Ich lebe in Deutschland“ „Ah, Deutschland. Fußball, ey?“ Dann folgt eine Aufzählung von bekannten Fußballspielern, welche ich mangels Interesse an diesem Sport, ohne Ausnahme nicht kenne. Ich tue so, wie es offensichtlich von mir erwartet wird, und täusche vor, ein intimer Kenner der Szene zu sein. In regelmäßigen Abständen murmle ich dazu bedächtig „gut“ oder „sehr gut“ und einige, wenige Male „extrem gut“. Endlich ist das „Gespräch“ beendet und bleierne Stille setzt ein. Der arme Kerl von Fahrer dreht das Radio lauter. Ein tausendmal einstudierter Abwehrmechanismus gegen langweilige Fahrgäste. Die zwei alten Herren schreien mich via Radio weiter an; ich schaue leicht genervt aus dem Fenster auf das alltägliche Elend. Wahrscheinlich habe ich es nicht besser verdient.

Das Taxi nimmt nun doch Fahrt auf. Geschwindigkeitsrausch!! Aber meine Gedanken werden träge. Zeitverschiebung und die hässliche Nacht fordern ihren Tribut. Ich nicke ein und lehne mich im Halbschlaf an die geschlossene Tür des Wagens. Diese geht ohne Vorwarnung auf. Da ich Sicherheitsgurte bekennend uncool finde, befinde ich mich augenblicklich auf den kürzesten Weg Richtung Asphalt. Der Fahrer und ich schreien gleichzeitig auf. Er, weil es uncool ist, das eine Langnase im eigenen Wagen krepiert. Ich, weil es uncool ist, schlafend aus einem Schrott-Taxi zu fallen. Bin jetzt gezwungenermaßen hellwach. Reflexartig packe ich den Innengriff der aufschwingenden Tür, versuche mich, soweit es möglich ist, vom dem, unter mir wirbelnden Asphalt, wegzubiegen. Der Fahrer packt gleichzeitig mit einer Hand meinen gen Straße verschwindenden, rechten Knöchel, während er mit der anderen Hand am Lenkrad den Wagen weiter steuert. Sein Fahrzeug kommt bei diesem Manöver leicht ins Schlingern. Andere Autos hupen aggressiv. Dabei kommt mir der Asphalt noch ein weiteres Stückchen näher. Viel näher als mir lieb ist. Der Fahrer lässt meinen Fuß los und streckt mir etwas entgegen. Es ist seine Hand. Was tue ich?

2.A. Ich versuche die Hand des Fahrers zu ergreifen, damit er mich irgendwie in den Wagen ziehen kann.

2.B. Ich ignoriere die Hand und versuche auf eigene Faust den Deckengriff des Wagens zu fassen zu bekommen.

Illustration von Dr. Beuck
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