Avenor

Der Helfer · Kapitel 2

Das zweite Leben: Murmels letzter Sommer

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2.A. Ich versuche die Hand des Fahrers zu ergreifen, damit er mich irgendwie in den Wagen ziehen kann.

Benjamin Bagwis fuhr seit genau sechzehn durch diese Straßen Manilas-immer auf der Suche nach Fahrgästen. Er gehörte zu den wenigen Philipinos, der zu mindestens in ihrem Zweitnamen keinen modernen englischen Namen aufwiesen. Sein Name „Bagwis“ stammte aus dem Tagalog und bedeutete „die Flugfeder“. Er fand dies war ein guter Name für jemanden, der Taxi fährt. Ein gutes Omen. Sein Vater hatte ihm diesen Namen ausgesucht. Bagwis war Gott dafür dankbar, nicht, wie sein Vater als Ritscha-Fahrer seine Familie durchbringen zu müssen. Wie die meisten Menschen, welchen diesen Beruf ausüben mussten, starb sein Vater jung an zu hohem Bluthochdruck, verursacht durch die permanente harte Arbeit.

Bagwis bezeichnete sich durchaus als glücklichen Menschen. Er war stolz auf seine große Familie und seinen kleinen Garten, welchen er liebevoll pflegte und der an manchen Jahren so viel Gemüse abwarf, dass sie kaum zum Markt gehen mussten, um dort etwas einzukaufen. Seinen Lebensunterhalt erwarb er aber mit seinem Taxi, einem alten Mercedes, welchen er in vierzehn Jahren abgezahlt hat. Es war schwierig gewesen, für jemanden wie ihn, der keinerlei Sicherheiten vorzuweisen hatte, einen Kredit für den Wagen zu bekommen und es war fast genauso schwierig die 30% Zinsen für diesen Kredit zu zahlen. Und noch viel schwieriger war es gewesen, eine Taxi-Lizenz für die Hauptstadt zu erwerben. Diese betrug etwa das Dreifache des Kaufpreises des Taxis.

Er versuchte der mürrischen Langnase auf dem Rücksitz ein Gespräch abzuringen, vielleicht gab es dadurch ein kleines Trinkgeld? Es war ein Versuch wert. Aus dem Augenwinkeln bemerkte er plötzlich eine ungewöhnliche Bewegung hinter sich: sein Gast fiel offensichtlich gerade aus seinem Taxi! Bagwis dachte nicht lange nach und fasste nach hinten, um den Fremden noch zu fassen. Sein Fahrzeug schlingerte gefährlich und Teilnehmer es entgegenkommenden Verkehrs begannen alarmiert die Hupen ihrer Fahrzeuge zu traktieren. Ohne über die Konsequenzen seines spontanen Eingreifens nachzudenken, setzte er Alles auf´s Spiel: seine Gesundheit, seine berufliche Existenz. Sein Gast ergriff mit feuchter, rutschiger Hand die seine. Bagwis zog, trotz des unglücklichen Winkels, seine Hand nach vorne und er spürte das träge Gewicht des Gastes, welches ihn an einen nassen Sack Reis erinnerte. Er hätte es nie geschafft, den schweren Gast wieder in sein Fahrzeug zu ziehen, aber das brauchte er auch nicht. Er hatte einen wichtigen Moment Zeit für seinen Gast gewonnen. Denn nun schaffte es die Langnase mit hochrotem Gesicht den nötigen Schwung zu bekommen, seinen Oberkörper wieder zurück in den fahrenden Wagen zu hieven. Erst jetzt wurde die hochrote Färbung des Gesichtes, von einer aschfahlen, grauen Färbung verdrängt, welche schließlich von einem bleichen Weiß abgelöst wurde, welches um die Nasenflügel herum einen ungesunden, grünen Schimmer aufwies. Bagwis steuerte eine Haltebucht an und drehte sich ganz zu seinem Fahrgast um, nachdem der Wagen vollständig zum Stehen kam. Der Fremde atmete schwer und schließlich bildete sich ein zaghaftes Lächeln auf seinem vollen Gesicht und die kalten grünen Augen bekamen für einen kurzen Moment einen warmen, freundlichen Ausdruck. Die Männer stiegen aus dem Fahrzeug. Als sie in die schwüle Luft traten, bedankte sich der Europäer überschwänglich bei Bagwis und schüttelte seine rechte Hand mit schmerzhaft festem Griff. Endlich ließ er die Hand los und fummelte umständlich in einer Seitentasche seines Anzugs herum. Heraus kam eine Geldbörse aus mattem schwarzem Leder, aus der ein Betrag von 1.000 Dollar den Besitzer wechselte.

1.000 Dollar! Bagwis konnte sich nicht daran erinnern, jemals so viel Geld in seiner Hand gehalten zu haben. Als er den Fremden an sein Ziel gebracht hatte, durchzuckte ihn eine brillante Idee. Die beste Idee seines Lebens. Was einmal funktioniert, kann auch ein zweites, drittes oder viertes Mal funktionieren! 4.000 Dollar! Er reparierte die kaputte Tür seines Wagens nicht, sondern präparierte auch noch die Andere, das diese sich ungewollt öffnete. Mit diesem Trick würde er unendlich reich werden! Sein Vater wäre stolz auf ihn.

Aber leider konnte er den Fall seines nächsten Fahrgastes nicht aufhalten, obwohl er dies nach all seinen Kräften versuchte. Die Folgen waren ein nicht unerheblicher Personenschaden, unangenehme Fragen ziemlich humorloser Behörden und der Entzug seiner Taxilizenz auf Lebenszeit.

ENDE

2.B. Ich ignoriere die Hand und versuche auf eigene Faust den Deckengriff des Wagens zu fassen zu bekommen.

Meine ganze Kraft mobilisierend, richte ich mich nach oben, um den oberen Teil der Tür zu greifen. Geschafft! So könnte ich mich in den Wagen zurückziehen! Der Deckengriff. Aber es muss schnell gehen. Jetzt! Die Fliehkraft drückt mich unbarmherzig aus dem Fahrzeug. Hoffentlich ist der Haltegriff nicht so morsch, wie Rest von der Karre!! Ich setze alles auf eine Karte und lasse die Tür los, hektisch nach oben fassend in die Richtung, in der sich Haltegriffe normalerweise befinden. Und wirklich! Erleichtert spüre ich einen Widerstand. Greife zu und ziehe mich mit ganzer verbleibender Kraft in das Fahrzeug. Der Griff ächzt und für einen widerwärtigen Moment gibt er, ob meines Gewichtes etwas nach. Ich kann es mir nicht leisten, dies zur Kenntnis zu nehmen und ziehe ich mich vollständig in den Wagen. Der Fahrer sieht mich an, als ob er einen Geist gesehen hätte. Ich versuche einen Witz zu machen, an dem ich mich später nicht mehr erinnern kann, vielleicht weil mein Herz bis zum Hals schlug.

Die Asean Development Bank (ADB) ist ein verdammt eigenartiger Ort. Nachdem ich meinen Ausweis abgegeben habe, gewährt man mir Zugang ins Innere des luxuriösen Gebäudekomplexes. Eine hohe Mauer, bewehrt mit unzähligen Glasscherben aus tausend zerbrochenen Flaschen trennt das Gelände der Entwicklungsbank von der sie umgebenden, tristen Realität. Und plötzlich ist es, als ob ich einen anderen Planeten betreten habe. Zwar gibt es noch Sauerstoff zum Atmen, aber dennoch scheint eine unsichtbare Schleuse durchschritten worden zu sein. An die hektische, schwüle und schmutzige Welt, die mich eben noch umfangen hat, erinnert schlagartig nichts mehr. Um mich herum erstreckt sich ein großer, künstlicher Garten, in denen Teile des Gebäudes integriert sind. Ich schreite auf eine Bibliothek zu, in der Angestellte in korrekten, unauffälligen Anzügen bei einer guten Tasse Kaffee in großen braunen Ledersesseln entspannt schmökern können. Ein amerikanisch-aussehender Herr schaut aus seinem Sessel zu mir herauf. Der Ausdruck seiner kleinen Äugelein wirkt auf mich kalt, obwohl er mich höflich mit einem schwach angedeuteten Lächeln grüßt. Sein blau gestreiftes Hemd spannt sich fies über seinen stattlichen Bauch. Trotz der perfekten Klimatisierung, schimmern Schweißperlen auf seinem kahlen Schädel. Als ich an seinem angedeuteten Gruß im Vorübergehen schwach erwidere, drängt sich mir eine Szene auf, in der mehrerer dieser Herren in ihren bequemen Ledersesseln sitzen, dabei Zigarren rauchend und Gin Tonic schlürfend. „Ah Bob, es freut mich Dir mitzuteilen, dass wir vereinbarungsgemäß 1.400 Gewehre an die Rebellen im Muzungu-Flussdelta übergeben haben. So Gott will, wird es in absehbarer Zeit keine Aussicht auf Frieden in dieser Region geben und wir können den Kriegsparteien weiterhin billig Baumwolle abkaufen. Die brauchen halt Kohle für die Waffen, die wir ihnen anbieten.“ „Ausgezeichnet Clint! Auch wir waren nicht untätig und haben drei Tonnen Opium an die Kautschukplantagen in unseren Kolonien auf Java ausgeliefert. Schlechte Qualität, aber es reicht, um es anstelle von Lohn an die Arbeiter auszuteilen. Ist ja keine Sklaverei, gegen die wir uns ja ausdrücklich aussprechen. Wer möchte, kann ja jederzeit gehen, einen kalten Entzug gibt es gratis dazu. Ho Ho. Billiger geht es nicht. Niemand arbeitet mit so großem Engagement wie ein Süchtiger.“. Ich schüttele irritiert meinen Kopf, um den sinnlosen Tagtraum aus meinem Schädel zu bekommen.

Mit dem Fahrstuhl aus dunklem Tropenholz geht es einige Stockwerke nach oben. Als ich aussteige, bin ich überrascht: von dem im Erdgeschoss zur Schau gestellten Luxus ist nichts mehr zu erkennen. Stattdessen schweift mein Blick auf beträchtliche Reihen mickriger Kleinraum-Büros. In einem dieser winzigen Abstellkammern wartet –hoffentlich- mein Gesprächspartner auf mich: Mr. Narasingham.

Mr. Narasingham entpuppt sich als eine pakistanische Version von Rowan Atkinsons Paraderolle „Mr. Bean“; lediglich mit einer Brille auf der langen Nase. Spontan erinnert er mich an eine Aaskrähe, welche in den frühen Morgenstunden auf einer Landstraße von einem schnell fahrenden Wagen bei der Nahrungsaufnahme gestört wird. Es liegt an die Art und Weise, wie mich Narasingham durch seine dicken Brillengläser mustert, und ja, die ruckhaften Bewegungen mit dem Kopf drängen mir dem Vergleich mit einem Rabenvogel auf. Er begrüßt mich: „Ah, sie sind sicher Mr. Applegast!“ „ „Nein, tut mir leid, mein Name ist Hafskjold.“. Ein irritierter Blick über die Brillengläser trifft mich: „Sind Sie sicher, dass sie nicht Mr. Applegast sind?“. Nachdem ich dienstbeflissen meinen Besucher-Ausweis vorweise und wiederholt todernst versichere, ganz bestimmt nicht Mr. Applegast zu sein, kühlt er sichtlich ab, fragt mich aber dennoch, ob ich nicht eine Arbeitsmöglichkeit für seine Frau habe: eine arbeitslose Kernphysikerin. Ich versuche mir vorzustellen, wie sein weibliches Pedant aussehen könnte und mache mir spontan große, grundsätzliche Sorgen über die Sicherheit der Kernkraft. Nein, leider habe ich zufällig keinen Job in der Branche parat- und so musste ich ihn wieder auf der ganzen Linie enttäuschen. Murrend drückt er mir nach einigem Hin und Her schließlich die Studie in die Hand und beantwortet einsilbig und mürrisch meine eilig vorgebrachten Fragen. Als die letzte Zwei-Wort Antwort kaum in seiner Arbeitskabine verhallt war, erhebt er sich ruckartig und huscht grußlos an mir vorbei, eilt den dunklen Gang hinunter und verschwindet im Schein der Neonröhren. Verdutzt bleibe ich zurück. Später erfahre ich, dass kein Kollege mit Narasingham reisen mag, da Flugzeuge, die ihn transportieren, häufig die Angewohnheit haben abzustürzen. Groteskerweise überlebt er, im Gegensatz zu seinen Kollegen, die Abstürze immer unbeschadet. Ich hoffte, dass ich den Typen nicht irgendwann im Flieger treffen werde …. .

Es gibt Länder, die lassen einen nicht mehr los. Und dies ist durchaus wörtlich gemeint. Als ich am Flughafen den Flug zurück nach Frankfurt besteigen will, werde ich höflich aber bestimmt darüber informiert, dass der Flieger erst am nächsten Tag starten werde. Genervt nehme ich die Information zur Kenntnis und versuche mich in asiatischer Gelassenheit; ein Ausflippen würde sowieso keine Wirkung zeigen, als Konsequenz würde ich mich lächerlich machen, oder wie es hier heißt: ich würde mein Gesicht verlieren. So mache ich mich auf eine weitere Nacht in einer gesichtslosen Bettenfabrik am Flughafen gefasst. Später stellt sich heraus, dass irgendein armer Teufel sich als blinder Passagier im Radkasten des Fahrgestells versteckt hatte und beim Landeanflug halb-tiefgefroren aus seinem Versteck auf die Landebahn fiel.

Als wir die Passkontrollen und die finster aussehenden Beamten der Einwanderungsbehörde wieder passieren – nur in umgekehrter Richtung – höre ich hinter mir ein leises Schluchzen. Als ich mich umblicke, nehme ich eine junge Familie wahr. Die Frau weint bitterlich. Außer diesem Verhalten besitzt die Familie keinerlei Auffälligkeiten. Doch! Der kleine Sohn, ich schätze ihn auf vier Jahre, ist Philipino, seine Eltern Europäer. Als der Mann beruhigend auf seine Frau einspricht, erkenne ich, dass sie aus den Niederlanden kommen. Ich stelle mich vor und frage, ob ich helfen kann. So erfahre ich, dass der Kleine frisch von den Beiden adoptiert wurde und die Adoption am Ende eines endlosen bürokratischen Prozesses stand. Die vielleicht nicht völlig unberechtigte Furcht der jungen Frau betrifft ein erneutes Ausgeliefertsein der philippinischen Behörden. Immerhin müssen wir morgen die Immigration erneut passieren.

Es hat mich tief berührt, wie vertraut der kleine Junge und seine Mutter bereits waren. Man muss sich vor Augen halten, dass sie sich erst seit zwei Wochen kennen. Der Junge, sein Name ist Vernon, stammt aus einen der überall anzutreffenden Waisenhäuser. Mit hoher Sicherheit kein schöner Ort um Aufzuwachsen.

Die erwarteten Probleme am nächsten Tag stellen sich indes nicht ein. Zu beschäftigt sind die Beamten mit mir und meinem endlosen erscheinenden Schwall an unflätigen Beschimpfungen, ob der Unzuverlässigkeit der Fluglinie und der durch die zusätzliche Übernachtung entstandenen Unannehmlichkeiten. Hinter mir schlüpft die Familie durch, Dokumente werden nur halbherzig geprüft, wenn man gleichzeitig ein außer Kontrolle geratenes Weißbrot besänftigen muss. Irgendwann beruhige ich mich dann auch wieder: manchmal muss man halt auch einmal sein Gesicht verlieren können.

Als ich im Flieger zurück nach Frankfurt sitze, bin ich bereits vor dem Start der Maschine fest eingeschlafen. Einige Gläser Wein und diverse Filme später, erfolgt die Landung. Die Gruppe der Reisenden zerstreut sich wie auf ein unsichtbares Signal hin, unmittelbar nach der Gepäckausgabe. Ich habe Glück und erwische umgehend eine S-Bahn, welche mich schnell in die Innenstadt transportiert. Ich genieße die gute Organisation und die reibungslosen Prozesse, gerade weil ich in den letzten Tagen oft erleben musste, dass auch kleine Ursachen, große Probleme verursachen können. Aber diese Erkenntnis habe ich nicht zum ersten Mal.Eine gute Stunde später stehe ich vor der Tür meines Reihenhauses. Der kleine Garten sieht etwas ungepflegt aus und aus dem Briefkasten quillt Post. Ich betätige die Klingel und es dauert eine Weile, bis meine Frau öffnet. Sie sieht mich müde an "Oh, Du bist schon da? Ich dachte Du kommst erst heute Abend?" dann dreht sie sich um und geht zurück ins Innere des Hauses. Ich folge ihr, dabei umständlich das Gepäck in den engen Flur des Hauses navigierend.

Am nächsten Morgen betrete ich das Büro der Firma, bei der ich seit drei Jahren angestellt bin. Diese hat sich auf die Akquise öffentlicher Ausschreibungen spezialisiert: ein lukratives Geschäft. Das Büro im neunzehnten Stock bietet einen grandiosen Ausblick auf den Taunus, die letzte kleine Wildnis im zersiedelten Rhein-Main Gebiet. Ich lasse mich in den schweren, schwarzen Ledersessel fallen. Das kühle Material fühlt sich gut an. Irgendwie sicher. Und alles ist so ruhig, fast friedlich. Mit meinem Passwort „CUNTHEAD“ logge ich mich ein und stöhne gequält auf. Während meiner Abwesenheit haben sich endlose Kolonnen unbeantworteter Anfragen, Informationen und Bekanntmachungen aufgetürmt. Aus dem Gefühl heraus schätze ich die Anzahl der Mails auf knapp zweihundert. Erstmal den Überblick gewinnen; Wichtiges vom Unwichtigem trennen. Wird definitiv spät heute Abend werden. Das Lustigste in dem Wald von „Zur Ihrer Kenntnis“, „ASP“ und „Bitte um Rücksprache“, ist der Brief eines russischen Geschäftspartners, welcher sein Schreiben mit „Looking forward to meat you“ beendet hat. Über so etwas kann man lächeln, wenn es nichts anders zu lachen gibt. Das telefon klingelt- das schrille Geräusch erschreckt mich etwas. Meine Chefin wünscht einen kurzen Report über die Ergebnisse der letzten Einsätze. Ich lege auf und stelle fest, dass ich den Ton ihres schrillen, amerikanischen Akzentes definitiv nicht vermisst habe in den letzten Tagen. Unter den von Halogenstrahlern in unnatürliches Licht getauchten, fensterlosen Gang, bewege ich mich in das repräsentative Büro meiner Vorgesetzten. Der schwere Tisch aus dunklem, edel wirkendem Holz bildet einen starken Kontrast zu ihrer schmächtigen Gestalt, welche fast hinter dem Tisch zu verschwinden scheint. Sie richtet sich auf und stemmt beide Hände auf die massive Tischplatte. Sie stammt ursprünglich irgendwo aus der Ostküste der Vereinigten Staaten: haselnussbraune Haare, welche kurz geschnitten, dem ohnehin herben Gesicht noch mehr Konturen verleihen. Die Augen blicken wie stets rastlos umher. Taxieren mich abschätzend, huschen dann wieder zum Telefon, dann wieder zu einigen Unterlagen auf dem riesigen Tisch. Manchmal erinnert sie mich an eine Maus, welche immer auf der Suche nach etwas zum Knabbern ist. Sie strahlt diese Form von Unersättlichkeit aus, welche dem außenstehenden Betrachter als Ehrgeiz oder auch als Gier erscheinen mag. Je nach Typ des Betrachters. Sie fragt mich nach Potentialen, Möglichkeiten. Einzelheiten interessieren nicht. Nur das Wesentliche zählt. Zeit ist Geld und Geld ist das Wesentliche. Und wenn es wie fast immer um Geld geht, leuchten die kleinen Mäuseaugen kurz auf und die dürren Schultern straffen sich. In einem kurzen, unbemerkten Augenblick blicke ich ihr direkt in ihr Gesicht, während sie in Gedanken versunken, sich ihren Anteil am großen Kuchen ausrechnet. Ich weiß genau, wenn es ihr einen persönlichen Nutzen bringen würde, sie würde mich sofort verkaufen. Mich, ohne mit der Wimper zu zucken, fallen lassen. Ich weiß, dass ich ersetzbar bin. Es ist nur eine Frage des Preises. Jeder ist käuflich und jeder ist auch verkäuflich. So ist das. Keine zehn Minuten später, verlasse ich ihr Büro, wissend, das ich nächste Woche in der Mongolei sein werde.Man sagt, das man den Charme der Hauptstadt Ulan Bataar nur erkennen würde, wenn man gezwungen war, sich zuvor einige Zeit in der Wüste Gobi aufzuhalten. Das ist nachzuvollziehen. Die Stadt hat keine erkennbare Altstadt, vielleicht liegt dies an dem unsteten Wesen der Mongolen. Kühl, am Reisbrett entstanden und funktional umgesetzt, präsentiert sich die Hauptstadt mir. Beton scheint der dominante Baustoff zu sein. Und seine enorme Beliebtheit spiegelt sich im gesamten Stadtbild wieder. Mein Hotelzimmer ist teuer, kann aber kaum deutschen Jugendherbergsniveau gerecht werden. Als ich meine Anzüge aufhängen will, entdecke ich ein blutverkrustetes Handtuch im Schrank. Spontan entscheide ich mich, die nächsten Tage aus dem Koffer zu leben. Es ist Sonntag und das Zimmer lädt mich nicht zum Verweilen ein. Die Möglichkeiten der Zerstreuung scheinen mir gering und so entschließe ich mich schließlich das Nationalmuseum zu besuchen.

Dort sollen einige spektakuläre Fossilienfunde ausgestellt sein. Als Kind habe ich mich sehr für solche Dinge interessiert und manches Wochenende in den Kiesgruben der Umgebung zugebracht. Mein ganzer Stolz war damals eine versteinerte Schnecke und ich glaube heute noch, dass sie grünlich schimmerte. Die Fossilien im Museum entpuppen sich als Mekka für Fossilien-Interessierte! Als wäre meine Kindheit nicht fünfundzwanzig Jahre, sondern lediglich fünf Tage her, spüre ich die spezielle Art von Erregung, die wohl nur Heranwachsende verspüren, welche einmal etwas Außergewöhnliches an einem sehr unwahrscheinlichen Ort finden. Es ist wie ein wunderbarer Schatz, welcher sich nur dir offenbart. Überraschend und sehr schön, dieses verloren geglaubte Gefühl nach all den Jahren plötzlich wieder zu spüren. Vielleicht tat die lieblose Präsentation der Funde ein Übriges, dass das Gefühl eines fündigen Schatzsuchers sich mir bemächtigte. Ganze Nester von Dinosaurier-Eiern liegen lieblos an die Wand gelehnt. Wichtige Schlüssel-Funde, die beweisen, dass die Saurier von den Vögeln abstammen, verstauben in halboffenen Vitrinen. Fasziniert von dem nicht-vorhandenen Gespür für Wert und Besonderheit der Funde, betrachte ich ein Gelege mit Dinosaurier Babies, die vor just 80 Millionen Jahren in dem Moment schlüpften, als sie von einem tödlichen Sandsturm überrascht wurden. Die kleinen Skelette schienen sich immer noch aus den versteinerten Eiern befreien zu wollen. „Gefällt es Ihnen?“ kommt es in gebrochenem Englisch von rechts und ich werde in meiner Betrachtung unterbrochen. Als ich mich zur Seite wende, erkenne ich eine der ärmlich aussehenden Reinigungskräfte, welche mich genauso mustert, wie ich die Dinosaurier-Funde betrachte. „Ja, wirklich sehr imposant! Ich bin froh hierher gekommen zu sein.“ antworte ich und es fällt mir schwer mich auf meinem neu erscheinenden Gesprächspartner einzustellen. Der gedrungen wirkende Mann nickt flüchtig, als ob er diesen Teil der Konversation schnell hinter sich bringen möchte. Es entsteht eine kurze, vielleicht dramatische, Pause. „Wieviel?“ hörte ich ihn wie aus weiter Ferne mit einem listigen Gesichtsausdruck fragen. Auf dem Weg zurück in das Hotel überlegte ich, welche Wege es gibt, den Zoll am effizientesten zu umgehen. Ich entscheide mich für den Kauf eines rosa Kinderkoffers, idealerweise etwas mit Disney-Prinzessinnen; welchen ich als Gepäck aufgeben werde. Mit Disney-Motiven habe ich immer die besten Schmuggel-Erfahrungen gemacht.

Ich bin so vertieft in mein, nicht gaaaanz legales Schnäppchen, dass ich fast in einen Mann hineinlaufe. Als ich, eine Entschuldigung murmelnd, ihn flüchtig ansehe, erschrecke ich. Er bietet einen furchtbaren Anblick. Sein Gesicht ist durch zahllose Beulen entstellt. Seine Geschwüre sind riesig; haben den Durchmesser von kleinen Hühnereiern, von violetter Färbung und scheinen bis kurz vor dem Zerplatzen stehend, mit irgendeiner widerwärtigen Substanz gefüllt zu sein. Später erfahre ich, dass die Beulenpest in der Mongolei sporadisch immer wieder ausbricht. Der die Krankheit übertragende, tödliche Pestfloh findet, statt auf Ratten, Unterschlupf im Fell der Murmeltiere. Diese bevölkern in großer Zahl die endlosen Steppen des Landes und stellen für Mongolen einen echten Leckerbissen dar. Wie die Flöhe sich vom Murmeltier auf den Menschen übertragen, sollte ich nur wenige Tage später anschaulich erfahren.

Mein Job ist es hier, das Konzept für ein Schulungszentrum für die lokalen Banken in der Mongolei zu entwickeln. Überraschenderweise ist der Gouverneur der Zentralbank ein junger Kerl, aufgeschlossen und freundlich. Er lädt mich ein, am nächsten Tag die nötigen Abstimmungs-Gespräche draußen, in der Steppe zu führen. Das sei so in der Mongolei üblich. „Mal etwas anderes“ denke ich und sage mit einem unsicheren und etwas schwächelnden Händedruck zu. Auf dem Weg schlendere ich zurück in meine Unterkunft. Da ich noch Zeit habe, entschließe ich mich spontan, ein lamaistisches Kloster zu besichtigen, welches auf meinem Weg liegt. Niemals habe ich ein religiöses Bauwerk gesehen, welches so von Grausamkeiten strotzt, wie dieses. Die meisten Religionen brauchen ja die Hölle, um den Menschen Angst zu machen. Aber dennoch überlässt man Vieles der Phantasie der Sünder. Nicht so hier; genüsslich wird auf den bemalten Decken und Wänden entleibt, ausgeweidet, gehäutet, zerteilt und vieles mehr. Irritiert verlasse ich das Kloster, irgendwie einen Kulturschock durchlebend, was das Verständnis klösterlicher Einkehr angeht. Auf dem Weg frage ich den hutzeligen Aufpasser, ein altersgraues Männlein, welches sich in perfekter Anpassung in die grau-braunen Wände des Gebäudes einfügt, ob es noch andere Klöster dieser Art gebe. Er verneint. Auf der Frage, wie dann die anderen Kloster aussehen und wo diese seien, verneint er wiederum. Auf meinem irritierten Blick hin, ergänzt er, dass dies das einzig erhaltene Kloster in der gesamten Mongolei sei. Die anderen seien bei der Machtergreifung der Sowjets zerstört und zu Bushaltestellen umfunktioniert worden. Als ich auf dem Bus warte, welcher mich in die Nähe meines Hotels bringt, denke ich an den morgigen Tag. Was mich wohl in der Steppe erwarten wird? Dabei wandert mein Blick an die Decke der Bushaltestelle. Ein blauer Dämon mit hauer-artigen Zähnen im Unterkiefer scheint mir wissend von der Decke zuzublinzeln.

Pünktlich bin ich am nächsten Morgen am vereinbarten Treffpunkt. In der Nacht hatte ich ein anstrengendes und ausführliches Telefonat mit meiner Chefin. Genau genommen war es ein fast zweistündiger Monolog meiner Vorgesetzten gewesen, welche mir verschiedenste Möglichkeiten vorschlug , hier in der Mongolei schnelles Geld zu machen. Diese Geschäfte bezeichne ich deshalb als „schnelles Geld“, weil sie im Wesentlichen darin bestehen, Informationen von A nach B zu bringen und dafür die Hand aufzuhalten. Kurz überschlage ich, dass die gestrige Handyrechnung wohl den Lebensunterhalt einer mongolischen Großfamilie für die Dauer eines Jahres hätte abdecken können. Zum Glück reist mich ein Hupen aus diesen Gedanken. Meine Gastgeber sind gekommen! Ich schaue auf einen Konvoi von drei Geländewagen. Spontan bewege ich mich auf den Ersten zu, will mein Gepäck auf die Ladefläche des ersten Wagens werfen. Merkwürdig, denke ich noch, was machen die Milchkannen auf der Ladefläche des Pick-Up´s? Sie nehmen den meisten Raum auf der Ladefläche ein; deshalb quetsche ich meine Sachen zwangsläufig in eine Ecke.

Statt dröger Verhandlungen erwartet mich … die Steppe. Rasch lassen wir die Vororte der Hauptstadt hinter uns. Immer weniger Häuser zieren die Straße und wenn man hinter die einfachen Häuser blickt, gleitet der Blick in eine leicht hügelige mit Gras bewachsene Einöde. Ich entspanne mich und genieße die Aussicht, eine Aussicht auf eine Weite, die sich der Zivilisation noch nicht ergeben hat. Ein vages Gefühl von Freiheit erfüllt mich. Immer weiter geht die Fahrt und die Straße ist bald die einzige Spur, welche der Mensch in dieser Endlosigkeit hinterlassen hat. Wir fahren an einem Felsen vorbei, der einer Schildkröte verblüffend ähnelt. Statt Häusern aus Beton und Stein, finden sich nun ausschließlich die traditionellen Jurten, kreisförmig aufgespannt und aus Filz bestehend: passende Unterkünfte für Menschen, welche seit Jahrtausenden den Standort ihres Wohnsitzes nach Wanderungen ihrer Herden ausrichteten.

An einem kleinen Fluss schlagen wir unser Lager auf. Auf uns warten ein paar mickrige Ponys, struppig und etwas hinfällig wirkend. Als ich auf einem Tier Platz nehme, spontan taufe ich es auf den Namen „Puschel“, bekomme ich noch ein Gewehr in die Hand gedrückt. Mit diesem Tötungswerkzeug geht es einer Beute an den pelzigen Kragen. Murmeltiere. Eigentlich beschämend. Es sind putzige und vor allem sehr neugierige Tiere, ein leichtes Opfer, auch für den unfähigsten Möchtegern-Jäger. Man kann sich sogar auf wenige Meter nähern und wenn man die Hand nach oben reckt, glotzen einen die kleinen Viecher mit vertrauensseligen, doofen Augen an, bevor sie sich eine Kugel fangen. Die Gespräche laufen nicht so gut wie erhofft und vielleicht schiesse ich deswegen mehr der armen Kerlchen, als nötig gewesen wäre.

Während das Töten eher das Indiz für moralischen Verfall darstellt, bereitet die Zubereitung schon mehr Probleme. Denn hier kommen die Milchkannen ins Spiel! Die Tiere werden mit Balg und Innereien schlicht zerteilt und in eben diese Kannen, zusammen mit heißen Steinen des Lagerfeuers, geschichtet. Mit Schrecken erkenne ich mein kulinarisches Schicksal und das der schreckliche Ruf der Mongolen in jedem Fall für ihre Küche gilt. Aus reinem Grauen, bitte ich um einen kleinen Ausritt auf Puschel in die Steppe hinaus. Wahrscheinlich ein Fluchtreflex oder so etwas.

Gegen den drohenden Murmeltierbraten ist frische Luft keine schlechte Alternative. Ich atme durch und reite. Und reite. Reite. Und erkenne schließlich, dass in der Steppe alles steppenartig gleich aussieht. Es gibt keine Wegmarken, keine markanten Auffälligkeiten. Ich blicke mich um. Überall ist Gras. Dahinten! Könnte das ein Fluss sein? Idealerweise DER Fluss, an dem das Lager liegt? Tatsächlich. Aber verdammt ….

3.A. Soll ich flussaufwärts reiten?

3.B. Oder soll ich lieber flussabwärts reiten?

Illustration von Dr. Beuck
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