Der Helfer · Kapitel 3
Das dritte Leben: Die Gesänge des Wahnsinns
Dieses Kapitel anhören3.A. Ich entschließe mich flussaufwärts zu reiten. Plötzlich hallen Gewehrschüsse den Flusslauf hinauf - wahrscheinlich schießen meine Gastgeber in die Luft, um mich zu orientieren. Die Schüsse werden lauter. Die Richtung stimmt! Umständlich drücke ich „Puschel“ die Absätze meiner Schuhe in die Flanke und schaffe es irgendwie, dass sich seine Schritte in die gewünschte Richtung beschleunigen. Wenige Momente später scheint mir die Anordnung einiger Steine im Flussbett irgendwie bekannt vorzukommen. Geschafft! Das Lager! Meine mongolischen Partner winken mir erleichtert zu. Im Hintergrund der illustren Gesellschaft sehe ich zwei gefüllte Milchkannen. Essenszeit!
Den angebotenen Wodka nehme ich ausnahmsweise gerne an und ich beeile mich, in Rekordzeit den Kanal voll zu bekommen. Die Bemerkung „We have prepared something very special for you“ meiner Gastgeber läutet traditionell hier, wie auch weltweit das Kredenzen abwegiger Gerichte ein. Es gibt Theorien, dass jede Nation auf diesen Globus bestimmte Speisen entwickelt hat, um die Angehörigen anderer Nationen abzuschrecken. So etwas in dieser Richtung passiert hier gerade. Als ich meinen saftigen Murmeltier- Hoden vorgesetzt bekam, den ich aus einem fatalen Gefühl von Höflichkeit bedingt, nicht abzulehnen gedachte, war ich zum Glück bereits so weit innerlich mit Hochprozentigen imprägniert, dass mich der Gedanke sehr beruhigte, dass das glibbrige Gekröse spätestens in meinem Magen sterilisiert sei. Über den folgenden Verlauf des Abends senkt sich ein gnädiger Vorhang alkohol-bedingten Vergessens.
Ich verbringe die Nacht, von unruhigen Alpträumen geplagt, auf dem Hintersitz eines der Landrover. Als die Sonne über den grünen Hügeln aufgeht, fühle ich mich, als ob der Murmeltier-Gott höchstpersönlich mich für meine hässlichen Vergehen an seine Untertanen zur Brust genommen hat. Mir ist speiübel. Und dieser Zustand wird durch den Verzehr des durchwachsenen Stückes fettigen Fleisches wahrscheinlich nicht verbessert werden, welche meine bemühten Gastgeber als nächste Hardcore-Etappe unserer kulinarischen Reise vorgesehen haben.
Hoch über mir fliegt ein Schwarm Wildgänse und ein weiterer Blick auf das in einer undefinierbaren Flüssigkeit kochende Stück Fett, bestärkt mich in meinem Entschluss, dass mein Sündenregister gegen die Natur noch einer weiteren Eintragung bedarf. So bitte ich um eines der Gewehre, richte es auf die ahnungslosen Geschöpfe über mir, atme tief ein, halte dann die Luft an, um meinen Schuss nicht zu verzerren. Ziele … und drücke ab. Zu meiner großen Überraschung treffe ich tatsächlich und eines der anmutigen Tiere löst sich aus der Formation seiner Artgenossen und stürzt tödlich verwundet gen Erde. Ich versuche mir den Ort ihres Aufschlags zu merken und informiere entsprechend meine Begleiter, werde aber in meiner Erwartung enttäuscht, dass die Drecksarbeit des Ausnehmens meiner Beute von meinen Gastgebern übernommen wird.
Es wird trotz der rudimentären Möglichkeit der Zubereitung (Stock, Braten, Feuer) der leckerste Gänsebraten, welchen ich je gegessen habe. Leider sind Gänse monogam und der Partner meines Opfers steht solange mit einem traurigen Ausdruck auf dem Gänsegesicht (aber wahrscheinlich bilde ich mir das nur ein) am Lager, bis er oder sie das Schicksal seines Partners teilt. Alles in Allem eine sehr unwürdige Geschichte, vor allem, da es sich bei meinen Jagd-Opfer(n) um seltene Schwänengänse handelt, mit nur noch weniger als 10.000 existierenden Exemplaren auf dieser schönen Welt vertreten. Vielleicht laufen deshalb auch die Verhandlungen mit den mongolischen Bankern schlecht. Mein Job erstreckt sich lediglich auf einen Auftritt im mongolischen Staatsfernsehen, in dem ich für die (zweifelhafte) Sicherheit des lokalen Bankwesens werbe.
Die mongolische Steppe gehört, wenig überraschend, zu den wenigen Gebieten unserer Erdkugel, auf der es keinen Handyempfang gibt. Deshalb verwundert es mich nicht, dass bei meiner Rückkehr in die Hauptstadt ein episches SMS meiner Chefin auf mich wartet. In diesem spricht Sie von zwei Dingen: erstens von „very bad news“, welche sie mir persönlich bei meiner Rückkehr nach Frankfurt mitteilen wolle. Und zweitens „bittet“ sie mich, meine Mongolei-Reise um einen Einsatz in Peking zu erweitern. Ich setzte das „bittet“ deshalb in Anführungszeichen, da es sich natürlich um keine echte Bitte handelt: Flüge und Unterkunft sind bereits gebucht.
Das Problem ist nur, dass ich diesmal nicht als Einzelkämpfer agieren kann: ich brauche noch ein paar Fachexperten. Grundsätzlich bevorzuge ich die „one man show“, da ich in dieser Variante nicht den Kopf für andere hinhalten muss. Aber das geht natürlich nicht immer. Der Einsatz mit den Fachexperten hat sich bereits abgezeichnet, aber halt nicht so kurzfristig. In der Konsequenz habe ich die meisten Vorbereitungen schon in Frankfurt abschließen können. Lediglich eine der notwendigen Positionen ist bis dato nicht besetzt. Die Lösung des Problems scheint einfach: seit geraumer Zeit bietet sich ein Experte aus den Niederlanden für diese Position an. Auf dem Papier hat er die nötige Qualifikation. Aber ich habe auf seine, schon etwas aufdringlichen Anrufe, nicht positiv reagiert. Warum ich so zurückhaltend reagierte, kann ich nicht so genau sagen. Ich hatte und habe kein gutes Gefühl bei diesem Typ. Nun habe ich keine Wahl- ich setze mich mit ihm in Verbindung. Er ist natürlich kurzfristig verfügbar. Wir treffen uns mit den anderen in Peking.
Dann rufe ich meine Frau an, um ihr zu sagen, dass ich noch etwas länger unterwegs sein werde. Sie ist nicht zu erreichen! Ich versuche es wieder und wieder. Insgesamt über zwanzig Mal, aber bei keinem Mal erhalte ich eine Reaktion. So mache ich mir ernsthafte Sorgen, und schreibe ihr schließlich mehrere E-Mails, damit sie sich ihrerseits keine Sorgen macht, wenn ich drei Tage später als kommuniziert, nach Hause komme.
Peking. Ich messe das Wachstum dieser Stadt in der Zeit, welche ich im Laufe meiner wiederholten Besuche über die Jahre für bestimmte Strecken brauche. Strecken, für die ich vor etwa zehn Jahren zwanzig Minuten per Taxi gebraucht habe, benötigen nun zwischen drei und dreieinhalb Stunden. Bemerkenswert an Peking ist auch die Zuverlässigkeit mit der sich Hautprobleme einstellen, kurz nachdem man in der Stadt angekommen ist. Noch am gleichen Abend des Tages meiner Ankunft treffe ich mich mit meinem Team auf ein Glas Wein, dabei hoffend, dass ich mich bezüglich meiner Einschätzung der fraglichen Person getäuscht habe. Anthony stellt sich als ein grauer Mann in den besten Jahren heraus. Der harmlose erste Eindruck entsteht durch den braven Seitenscheitel, seinen konventionellen Anzug, ein Gesicht, welches man gleich wieder vergisst, da es keine besonderen Merkmale aufweist. Lediglich sein Blick scheint mir etwas zu müde und ein wenig glasig, selbst wenn ich die Strapazen der Anreise, inklusive Time-lag, zu seinen Gunsten in Betracht ziehe. Als ich, so unauffällig wie möglich, sein Verhalten genauer unter die Lupe nehme, festigt sich mein Verdacht. Es scheint mir, dass er sich regelmäßig irgendein Teufelszeug einwirft. Denn ein sehr abgeschlagener Anthony betritt die Toilette, um sie nur wenig später als ein sehr hyperaktiver Anthony wieder zu verlassen. Gerade von einer dieser „Auffrischungen“ kommend, ist es mir wohl nicht gelungen, ihm meinen skeptischen Blick zu verbergen. Überdies hat er diesen Blick wohl zudem auch missinterpretiert, denn er klatscht kindlich in die Hände „Yeah, let´s do business!!!“ ruft er lachend und in seinen Augen irrlichtert es unheilverkündend. Mir läuft es kalt den Rücken hinunter.
Es gibt kein Zurück. Wir erreichen den Bankenverband, irgendwo in Badaling ausserhalb derPekings, an einem Abschnitt der chinesischen Mauer gelegen. Diese haben wir uns vor den Präsentationen angesehen. Bei schönem Wetter, ohne Smog, ein beeindruckendes Bauwerk. Dessen Dimensionen sich allerdings durch einen einfachen, kurzen Besuch dem Gast gar nicht richtig erschließen. Paradoxerweise blieb mir von allen Eindrücken, der einer alten Frau haften, welche die Magnetstreifen der Eintrittskarten mit einer alten Lochzange entwertete.
Wir präsentierten. Die anderen und ich spulten routiniert unsere Standard-Präsentationen runter. Die Chinesen schauen uns mit indifferenten Mienen an. Was denken sie wohl? Dann: „Nun möchte ich Ihnen meinen Kollegen aus den Niederlanden vorstellen, welcher ihnen etwas über das europäische Bankensystem erzählen wird”. Anthony war kurz vorher auf Toilette gewesen. Seine Augen funkeln bisschen irre, wie ich zunehmend besorgt feststelle. Er greift in die Innentasche seines unscheinbaren grauen Banker-Blazers, holt etwas heraus, um es dem nächst-besten Chinesen direkt vor das Gesicht zu halten. Dabei fragt er gedehnt: „Waaaaasssss ist daaaaassss?“ Der Chinese verzieht das Gesicht zu einer merkwürdigen Grimasse und stößt ein sonderbares „Whuarr“ aus.
Als ob dies das Signal wäre, legt der Typ jetzt richtig los. Schweiß bildet sich auf meiner Stirn. Mein Gefühl wird zur Gewissheit: er hat definitiv nicht mehr alle Tassen im Schrank! „Das ist ein Viertel-Dollar, welchen ich in der Business-class gefunden habe. Gestern als ich mit dem Fluuuugzeug“ dabei schwenkt er mit den Armen auf und ab: großer, stählender Vogel. „von Holland nach Peking geflogen bin“. Ich fange nun auch an unter den Achseln zu schwitzen.
Nicht ohne Grund, denn es wird immer schlimmer. Nun fischt er noch einen chinesischen Geldschein aus der Jacke und wiederholt sein dämliches, rhetorisches Spiel. Den Geldschein hat er vor unserem Luxus-Hotel gefunden. Obwohl Atheist, bete ich zu allen Göttern, dass er oder ich im Erdboden verschwinden möge. In der Zwischenzeit zeichnet der Verrückte ein Haus an die Tafel. Es sieht aus, als wäre es im Kontext aus diesen Urang-Utan Kunst-Projekten im Zoo entstanden. Das Haus hat auf dem Dach ein Schild. Er füllt es aus. „Das ist eine B---A---N---K.“ Er buchstabiert und betont die einzelnen Buchstaben, als ob er vor einer Gruppe von Dreijährigen einen Vortrag halte. „Hier geht es um Geld! Geld, wie ich es Euch gezeigt habe!”. Schrecklich. Tief in meinem Inneren warte ich darauf, dass er auf einen Tisch springt und die Hosen herunterlässt. Dabei irgend etwas wie „Es ist Vollmond!“ brüllend.
Im Fachjargon der Berater bezeichnet man diesen Typus als „ausser Kontrolle geratene Lenkrakete“. Sobald ich ihn aber aus dem Verkehr nehmen würde, würde den Chinesen klar sein, dass ich meinen Kollegen in der Tat nicht unter meiner Kontrolle habe, was ja auch genau so zutraf. Trotzdem scheue ich den damit einhergehenden offensichtlichen Gesichtsverlust. Am Ende einer endlosen Tour durch die Bank-Schalterhöllen des Wahnsinns, ist endlich die mehr als überfällige Pause angesetzt. Ich bin klitschnass geschwitzt und habe nun den Canossagang zum potentiellen Auftraggeber vor mir. Ich fühle mich peinlich berührt, elend und unprofessionell.
Der Leiter des Institutes fängt an, die Ausführungen der „Experten“ zu kommentieren. Es ist einer dieser alten Kader, welche noch durch ihre Beziehungen zur politischen Partei, lukrative Posten erhalten haben, nicht zwangsläufig durch ihr Fachwissen. Sein zerknittert wirkendes Gesicht ist mir zugewandt; seine Augen taxieren mich. Die Stimme klingt kalt und schnarrend. Es wird übersetzt: „Die Ausführungen von Ihnen und den anderen waren einigermaßen aufschlussreich, aber die von ihrem Kollegen aus Holland ….“ Eine endlose Pause, ich schlucke, senke schicksalsergeben meinen Blick. „…der war ja Spitze, der Mann!!!! So jemanden brauchen wir!!!!!“. Und auf seinem Rosinengesicht breitet sich ein Lächeln aus, welches das ganze Gesicht auf einen Fixpunkt an seinem Hinterkopf zusammen zu ziehen schien. Und plötzlich lächeln alle! Ich natürlich auch, ganz Hure: „Ja, er ist ja auch unser bester Mann. Hat uns alles beigebracht! Deshalb haben wir ihn ja auch mitgenommen, nicht wahr? Ich hab mir gleich gedacht, das Sie es sofort bemerken würden.“. Wir lachen alle, wie über ein kleines, schmutziges Geheimnis. Aber irgendwie ist es das ja auch.
Wenn man geschäftlich in China unterwegs ist, ist es sehr ungewöhnlich, das Verträge konkret am gleichen Tag beschlossen und unterschrieben werden. Und wenn dies dann doch so eintrifft, dann muss es auch gebührend gefeiert werden. Nun trinkt man in China häufig gegen drei Personen, vielleicht weil Chinesen wohl Alkohol genetisch bedingt schlechter abbauen können? Immer läuft das Trinken aber nach folgendem Ritus ab: einer fängt mit einen möglichst austauschbaren Trinkspruch an, etwa wie „Auf Freundschaft und zukünftige Kooperation!“. Dann wird ein kleines, konvexes Gläschen mit Hochprozentigem gefüllt, in einem Zug geleert, davor sagen alle „GAMBAI!“ und drehen das Glas um. Wenn noch ein Tropfen herausfällt, wird sofort neu eingeschenkt. „GAMBAI!“ und man muss wieder auf EX trinken. Dabei trinkt man meist gegen etwa drei Chinesen, um das genetische Defizit der Gegner auszugleichen.
Mir steckt noch der Murmeltierhoden-Exzess in den Knochen, und so bin ich nicht in Stimmung, wedel alibi-mässig mit meinem Handy, welches seit zwei Tagen den Geist aufgegeben hat. Es gilt nun die Zentrale in Frankfurt über den positiven Verlauf des Geschäftes zu informieren und den Zeitunterschied zu nutzen, bevor in Deutschland keiner mehr zu erreichen ist! Breit lächelnd verabschiede ich mich, wissend, was die Zurückbleibenden meines Teams erwartet.
Nach einem dreistündigen Spaziergang durch die Vorstadt, bietet sich mir bei meiner Rückkehr das folgende Bild: Mein Kollege aus Frankfurt bemerkt mich mit dunkel-roten Kopf als Erster. Es sieht für mich aus, als ob sein Kopf als Ganzes rot angeschwollen ist und durch den engen Kragen des Hemdes, vom Rest des Körpers abgeschnürt wird. Er sagt irgendetwas wie „Boah, die machen uns fertig!“. Dies kann ich nur beiläufig wahrnehmen, da meine Aufmerksamkeit von meinem speziellen, holländischen Kollegen in Anspruch genommen wird. Er steht auf dem runden Tisch, die eine Hand in seine Hüfte gestemmt, die andere Hand hat er vertraut auf die übersichtliche rechte Brust der chinesischen Übersetzerin platziert, dabei schottische Highland-Lieder singend. Ich muss zwei Mal hinsehen, um die Szene für meine offensichtlich überforderte Wahrnehmung aufnehmen zu können. Die Chefin der Personal-Abteilung der chinesischen Partner, gegenüber am Tisch stehend, begleitet ihn simultan mit Versatzstücken aus der Peking-Oper: „YOOO MEEE YOOOO“.
Der betagte Leiter des Institutes kommt mit zwei … Assistentinnen, ja es müssen einfach Assistentinnen sein, auf mich zugewankt. Stockend gibt er mir seine Enttäuschung zu verstehen (die Übersetzer müssen drei Mal nachsetzten), dass ich der einzige Anwesende sei, der noch logisch zusammenhängende Sätze formulieren könne. Aus diesem Grunde gibt er mir zwei Flaschen für den langen Weg in die Hauptstadt zurück.
Ein komisches Zucken in der Magengegend, quittiert meine Erkenntnis, dass sich in den Flaschen tote Tiere befinden. In dieser, wohl trinkbaren Alkohol-Lösung, schwimmend, schauen mich eine Schlange und eine … Ärg…Maus aus leblosen Augen an. Ich bedanke mich höflich, nachdem ich erfolgreich einen spontanen Würgreiz unter Kontrolle bringen konnte. Dann ist er gekommen: der Moment des Abschieds. Man trennt sich voneinander wie alte Freunde, welche man aber erst seit wenigen Stunden kennt und wahrscheinlich morgen wieder vergessen hat.
Endlich sitze ich im dunklen Wagen zurück nach Peking. Hinter mir auf der mit schwarzen, leicht zu reinigendem Leder, bezogenen Rückbank, erlebt Anthony mit der chinesischen Übersetzerin seinen achtundneunzigsten Frühling. Ich überlege: „Schlange oder Maus?“. Und entscheide mich schließlich für „Maus“. Dann rufe ich nach hinten, den Fahrtlärm übertönend: „Anthony, noch durstig?“. Die Flasche wandert nach hinten in den dunklen Wagen. Keine zwanzig Minuten später erfolgt der Halt. Anthony stürzt nach draußen, die Maus fordert ihren Tribut. Ich höre wie ein Schwall Erbrochenes in die Nacht abgegeben wird, ein platschendes Geräusch als eine zähflüssige Substanz auf den Boden auftritt, dann gequältes Stöhnen. Ich mag es nicht, wenn noch Rechnungen offen sind. Jetzt sind wir quitt, mein holländischer Freund!
Am nächsten Tag geht es zurück. Mein kleines Team verabschiedet sich voneinander, nicht wissend, wann und wo wir wieder zusammentreffen werden. Anthony bleibt gleich in Peking, um in den nächsten Tagen seinen neuen Job anzutreten (und wahrscheinlich endgültig in den Wahnsinn abzurutschen). Der chinesische Beamte bei der Ausreise schaut mich noch ein letztes Mal prüfend an, ich denke an die mongolischen Fossilien und gebe ihm mein bestes Krokodil-Grinsen. Er überlegt, ob er mir Ärger machen will und knallt abschließend seinen Stempel in meinen Pass.
Als ich wieder Zuhause bin, erwartet mich niemand. Irgendwie dumm gelaufen alles: kaputtes Handy, kein Empfang in der mongolischen Steppe, drei Extra-Tage. Nun fallen die Ereignisse der letzten Tage von mir ab, verblasen zunehmend schneller (wahrscheinlich ein Schutzmechanismus des Gehirns) und es bleibt das dumpfe Gefühl einer undefinierbaren Sorge. Das Gefühl begleitet mich bis vor meine Haustür-und darüber hinaus. Denn das Haus scheint verlassen. Im Flur liegt ein Brief. Er ist von meiner Frau. Ich lege meine geschmuggelten Fossilien auf den schmutzigen Boden; sie sind bedeutungslos. Während meiner Abwesenheit war sie beim Arzt gewesen: die dauernde Antriebslosigkeit, das merkwürdige Krippeln am Hinterkopf, die permanente schlechte Laune. All dies hat nun einen Namen. Depression! Die Diagnose ist eindeutig. Ich gehe zum Telefon und rufe sie an. Es wird ein langes Gespräch.
Am nächten Tag wartet meine Chefin schon auf mich. Es ist offensichtlich, dass sie etwas loswerden will. Aus ihrem Kalender geht hervor, dass sie während meiner Reise an ein mehrere tausend Euro günstiges Seminar zum Thema „Soziale Kompetenz“ teilgenommen hat. Kein gutes Zeichen! Nun sitzt sie mir an ihrem überdimensionierten Schreibtisch gegenüber und bittet mich, Platz zu nehmen. Ich merke, dass sie das Gespräch hinter sich bringen möchte. Sie beginnt: „Well, nice Job in China, aber Du weißt, dass es immer Stimmen in der Bank gab und gibt, die unsere ausländischen Aktivitäten nicht zum Kerngeschäft des Mutterhauses zählen. Gleichzeitig ist eine Umstrukturierung des Konzerns wohl unumgänglich geworden. Yeah, Konzentration auf das Kerngeschäft heißt die Devise. I am very, very sorry, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass unsere Abteilung im nächsten Jahr geschlossen wird!“.
Was tust Du?
4.A. Du kündigst.
4.B. Du bleibst bis zum bitteren Ende.
3.B. Ich entschließe mich flussaufwärts zu reiten. Der Fluss begleitet mich oder ich begleite den Fluss. Eigentlich hätte ich schon längst das Lager erreichen müssen, aber es bleibt mir verborgen. Ich blicke nach oben in den ewigen Himmel. Ganz weit über mir zieht majestätisch eine Schar Wildgänse. Das Licht. Das Licht ist so unglaublich klar hier. So rein. Noch nie in meinem Leben habe ich ein so reines Licht gesehen. Es ist mir, als ob die Konturen, sogar des einzelnen Grashalms, kristallklar zu erkennen sind. Es sind Millionen von Grashalme, und sie wiegen sich, ohne auch nur eine Ausnahme, im unsichtbaren Rhythmus des Windes. Ich erkenne. Ich erkenne, dass alles um mich von Leben durchdrungen ist. Um mich herum existiert ein riesiger Organismus, und alles ist Bestandteil dieses Organismus. Auch ich. Ich beuge mich vor und die Ohren des Pferdes berühren fast meine Lippen. Nur ein Wort sage ich: „SHORRR!“. Und plötzlich beginnen die Hufe des Tieres über den Boden zu wirbeln und mich davon zu tragen. Noch weiter beuge ich mich vor und nun presse ich meine Wange an den Hals des galoppierenden Pferdes. Ich spüre die wild schlagende Schlagader des Tieres auf meiner Haut tanzen und der Rhythmus des ungestüm schlagenden Herzens überträgt sich auf das meine. Ich werde eins mit dem Tier, eins mit der Steppe. Ich lenke das Tier weg vom Flusslauf, hinaus auf die freie Steppe. Hinaus in die Unendlichkeit. Ich lächle, löse meine Hände vom Hals meines Bruders unter mir und breite meine Arme aus. Der Wind streichelt mich. Er kühlt meine fiebernde Haut. Und als ich lachend meinen Kopf in den Nacken werfe, sehe ich, dass das Universum mir, für einen winzigen, flüchtigen Moment nur, zulächelt.
ENDE
