Der Helfer · Kapitel 4
Das vierte Leben: Im Würgegriff der EU
Dieses Kapitel anhören4.A. Du kündigst.
Und beginne Bewerbungen zu schreiben. Vielleicht etwas im Inland? Das Vorstellungsgespräch bei einem im Finanzsektor tätigen Unternehmensberater läuft gut und wenig später unterschreibe ich den Anstellungsvertrag.
Am meinem ersten Arbeitstag werde ich von den zwei Sekretärinnen begrüßt: „Schon wieder einer! Na, dann gehen Sie mal nach hinten in die „Gruft“ und suchen Sie sich einen Arbeitsplatz aus: Räume gibt es ja genug!“. Es stellt sich heraus, dass die durchschnittliche Verweildauer von Angestellten nur wenige Monate umfasst und das viele, wirklich sehr viele, bereits versucht haben, im Unternehmen Fuß zu fassen. Um den hässliche Eindruck abzurunden, laufen einige hässliche Verfahren vor dem Arbeitsgericht, weil sich der ehemalige Arbeitgeber mit seinen Bediensteten im Bösen getrennt hat. Alleine sitze ich im hinteren Trakt des düsteren Erdgeschosses. Es ist wirklich still wie in einer Gruft. Ich schaue aus dem Fenster, so lange, wie ich es wohl noch nie zuvor getan habe in meinem Leben. Immer wieder spukt ein Wort durch meinen Kopf „Gefangen!“.
Der Job ist dann auch entsprechend. Jeden Tag in der Woche an einem anderem Projekt arbeiten, jedes Projekt quer in der Bundesrepublik verstreut, Fahrtzeiten und Vorbereitungen sind „mit der Zahlung des Gehaltes abgegolten“, wie es treffend im Arbeitsvertrag formuliert ist. Mein Arbeitgeber entpuppt sich als hochintelligent, mehrfacher Millionär mit gescheiterter Familie und den Drogen, insbesondere denen mit aufputschender Wirkung, zugetan. Mir scheint, dass seine Arbeit das einzige ist, worin er sich seine Bestätigung zum Leben holt. Er arbeitet unglaublich viel, sieht mit 48 Jahren aus wie eine böse Kopie des amerikanischen Komikers Lesslie Nielsen (bekannt aus der „Nackten Kanone“). Es kommt vor, dass wir mitten in der Nacht noch Unterlagen vorbereiteten, um dann anschließend mehrere Stunden zum Kunden zu fahren. Dort moderieren wir acht- bis neun-stündige Workshops, deren Ergebnisse die Basis für massiven Stellenabbau in den Banken liefern. Im Anschluss fahren wir gleich weiter zum nächsten Kunden.
Dabei hat mein Chef die Angewohnheit, uns immer etwas außerhalb des Kundenstandortes, meist in Landgasthöfen, einzuquartieren. Dort angekommen setzt er sich an die Bar, welche er immer als letzter Gast spät in der Nacht mit beachtlicher Promille im Blut wieder verlässt. Morgens geht es zum Kunden. Um die rotumränderten Augen und den „Hang over“ in den Griff zu bekommen, träufelt er sich Augentropfen mit einer Kokain-Basis in die Augen. „Herr Hafskjold, wollen Sie auch?“ fragt er mich und während er mich ansieht, sehe ich, wie sich seine Iris weitet und in den blutunterlaufenden Augen das Rot wieder zu Weiß wird. Es kommt natürlich wie es kommen muss, ich überwerfe mich mit ihm, auf einer der endlosen Autofahrten. Grund ist sein Bemühen eine der Sekretärinnen, die inzwischen hochschwanger ist, aus dem Betrieb zu mobben. Ich kann nicht tatenlos zusehen.
Irgendwann nenne ich ihn „paranoid“, während er mich im Gegenzug vor den Folgen warnt, sein Unternehmen zu verlassen („Sie wissen ja, Herr Hafskjold, es ist gefährlich ein Boot in stürmischer See zu verlassen, da kann man untergehen“). Ich tue es trotzdem. Einige Wochen nach dem Ausstieg aus der Titanic steht auf der anderen Seite meines Hauses ein Wagen mit Privatdetektiv, der meinen Müll regelmäßig durchwühlt, auf der Suche nach Hinweisen, ob ich mich mit dem geistigen Eigentum meines Arbeitgebers selbständig mache oder mich darin versuche, seine Kunden abzuwerben.
Dann erhalte ich das entsprechende Arbeitszeugnis. Es ist so schlecht, dass ich mich nirgends mit diesem bewerben kann. Der Satz „Sein Verhalten war stets einwandfrei.“ steht auffallend isoliert im Dokument. Eine mehr als deutliche Warnung an zukünftige Arbeitgeber. Ich habe nie wieder eine Anstellung in der Beratungsbranche erhalten.
4.B. Du bleibst bis zum bitteren Ende.
Sie zuckt mit den hageren Achseln und ihr Blick ruht abwägend auf mir: „Vielleicht gibt es noch eine Lösung! Ich versuche ein „Management buy out“.“. Ich sehe sie mit einem Blick an, der augenscheinlich meine Skepsis wiederspiegelt, denn sie bemüht sich sofort zu ergänzen: „D.h. ich versuche die Projekte, welche du akquiriert hast, als Privatperson weiterzuführen. Du würdest dann direkt für mich arbeiten! Well, es wäre also fast alles wie vorher, hehehe.“. Sie lacht, ein trockenes, freudloses Lachen und ich spüre ihren auf mich lastenden Blick, als wenn sie mich wie eine menschliche Ware taxiert, um einen möglichst realistischen Wert herauszufinden. Unbehaglich rutsche ich auf meinem Stuhl herum. Ich möchte ihr meine Bedenken gegenüber äußern, suche nach passenden Worten, aber sie ist schneller. „Don´t worry! Hier sind übrigens die Tickets für die nächste Reise nach Indien. Dein task wird es sein, eine Kooperation mit einer Softwarefirma anzubahnen. Dies wäre auch für das „Management buy out“ eine wichtige Voraussetzung, da wir so massiv Kosten einsparen könnten. Die Inder nehmen nur einen Bruchteil im Vergleich zu deutschen Programmierern. Well, Einzelheiten schicke ich dir gleich per Mail.“.
Ich verlasse ihr Büro, mich wegen meiner mangelnden Schlagfertigkeit verfluchend. Das Gefühl hassend, irgendwie übertölpelt worden zu sein, stapfe ich den Flur hinunter. Den Rest des Tages verbringe ich damit aus dem Fenster zu schauen, unfähig irgendetwas Produktives auf die Beine zu stellen. Als ich nach einem gefühlt-endlosem Arbeitstag, endlich zu Hause ankomme, fällt mir der volle Briefkasten auf. Ich öffne ihn und finde jede Menge Rechnungen und einige ernüchternde Kontoauszüge. Nach der dritten Rechnung vergeht mir die Lust weiterzulesen. Offensichtlich wurden Kerzenständer für 220 €, italienische Designerstiefel für 360 €, und eine spottbillige Lederjacke für 490 € in den letzten Tagen erworben. Für einen ekelhaften Moment beginnt sich der Boden unter meinen Füssen wegzudrehen. Meine Frau hat mir das später so erklärt: nach jeden Kauf fühlt sie sich gut. Und sich gut zu fühlen, ist für sie ein seltener, umso erstrebenswerter Gefühlszustand. Dies sei typisch, wenn man unter Depressionen leidet. Also warum nicht? Das wir uns dabei mit rasanten Tempo auf einen Offenbarungseid zubewegen, scheint ihr dabei von untergeordneter Priorität zu sein. Ich fühle mich erschöpft: es war eine Hure von einem Tag!
Einige Tage später sitze ich in der Business-Class nach Mumbai. Es ist ein schönes Gefühl, seinen Problemen davonzufliegen. Fast wie Freiheit. Die Augen schließend, kann ich das erste Mal seit langem friedlich einschlafen. Der Druck auf den Ohren, bedingt durch den Landeanflug des Fliegers, weckt mich. Das Flugzeug erreicht sein Ziel in später Nacht; Mumbai, ehemals Bombay. Zum Glück bringt mich ein Shuttle-Service des Hotels, gleich nachdem ich mein Gepäck erhalten habe, zum „Imperial“. Das Hotel ist eine noble Übernachtungs-Fabrik, alles andere als dezent in zwei Hochhäusern platziert, mitten in der Innenstadt von Mumbai gelegen.
Schlafen kann ich jetzt nicht mehr. Aber ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, Situationen zu meiden, welche sich schnell als nicht kontrollierbar entpuppen könnten: wie beispielsweise das ziellose, nächtliche Spazieren als „Weißbrot“ in unbekannten Millionenstädten. So starre ich an die Decke meines Hotelzimmers, wälze mich gelegentlich von einer Seite zur anderen und hänge meinen Gedanken nach. Irgendwann erkenne ich, dass meine Probleme mich letztendlich eingeholt haben.
Die Nacht verläuft erwartungsgemäß unruhig. Fünfzehn Minuten nachdem ich das indische Frühstück verspeist habe, besuche ich für eine geschlagene Stunde die Toilette. Ein Syndrom, welches sich durch den gesamten Aufenthalt in Indien ziehen wird. Egal ob ich im Nobelrestaurant ein Menü zu mir nehme oder auf der Straße einen Imbiss kredenzt bekomme. Das Nachspiel bildet immer ein längerer Aufenthalt auf der Marmor-Toilette des „Imperials“.
Als ich auf die Straße gehe, bin ich unangenehm berührt: liegt das „Imperial“ in einem Slum? Nein, nein, dies sei die Innenstadt wird mir glaubhaft versichert. Sieht so ein Schwellenland aus? Ist dies hier der Tigerstaat, auf den Sprung in die Moderne? Ich sehe eine verkommene, sehr schmutzige Stadt, Menschen, welche auf der Straße leben, dort schlafen, essen und ihre Notdurft verrichten. Einige liegen unter Plastikplanen, welche sie behelfsmäßig aufgespannt haben, um sich gegen die Sonne zu schützen. Für andere reichte es selbst dafür nicht und sie liegen auf Matten oder ohne jegliche Habe am Straßenrand. Es riecht nach Curry, Schweiß und Exkrementen. Eine weitere Besonderheit eines Aufenthaltes in Indien, ist die Angewohnheit der Bettler, ihr Opfer auch anzufassen. Normalerweise wird immer eine letzte Distanz gewahrt. Hier nicht. Und so ist es nicht jedermanns Sache, wenn eine zerlumpte Gestalt mit akuter Würgitis im Endstadium, einem beherzt am Arm packt. Jeder Weg gerät so zum Spießrutenlauf und man ist sehr erleichtert, wenn das Hotelzimmer erreicht ist und die Tür endlich hinter einem ins Schloss fällt.
Aber soweit bin ich leider noch nicht, denn das Hotel wurde bewusst wegen seiner Nähe zum möglichen Geschäftspartner ausgewählt. So gehe ich die wenigen Straßenzüge zu Fuß. Der Weg erscheint mir endlos. Höhepunkt bildet die folgende Situation. Aus dem Augenwinkel sehe ich wie ein kleines Mädchen von einem Erwachsenen, wahrscheinlich einem Elternteil, mir zugedreht wird. Durch die merkwürdige Szene aufmerksam gemacht, schaue ich genauer hin. Dort, wo die Augäpfel des kleinen Mädchens sein sollten, klaffen nur zwei leere Augenhöhlen in ihrem Gesicht. Jetzt stimmt die Richtung. Ein leichter Stoß in den Rücken und sie wankt mit ausgestreckten Armen auf mich zu … . Hat ihre eigene Familie sie verstümmelt, damit sie Mitleid erregen soll? Falls dies der Fall sein sollte, ist die perverse Rechnung definitiv aufgegangen. Meine Schritte beschleunigen sich.
Einen Moment später sitze ich in einem noblen Sitzungsraum einer der größten Software-Schmieden des Landes. Der Regionalmanager des Unternehmens präsentiert mir endlose Zahlenkolonen als Einstimmung auf die im Anschluss folgenden Kooperationsverhandlungen: Umsätze, Gewinne, Kundenstamm, Forderungen, Rücklagen, Dividenden, und vieles mehr. Die Stimme wird immer monotoner, bald frage ich mich, ob überhaupt noch Englisch gesprochen wird. Hat er eben gesagt gesagt: „If you are not confused, you haven´t understood the problem”? Ich höre jetzt genauer hin. Ein Kollege nimmt lächelnd den Ball auf: „I am still confused, but at a much higher level“. Einer plötzlichen Eingebung folgend frage ich, ob der Hinduismus die einzige Religion sei, welche empirisch überprüfbar sei, da ja die Summe der Lebewesen immer gleich ist. Also müsse man alle Lebewesen auf der Welt zählen und dies nach einem bestimmten zeitlichen Abstand wiederholen. Bei der Übereinstimmung der Summen aller Lebewesen, wäre der Hinduismus nachweislich die einzig wahre Religion. Die potentiellen Geschäftspartner sehen mich überrascht an. Das kalte Neonlicht spiegelt sich in dicken Brillengläsern. Dann empfiehlt mir der Regional-Manager mit meiner Zählung an den Pol-Regionen zu beginnen, da ich am Anfang noch nicht so erfahren im Zählen sei. Diese Bemerkung löst allerseits große Heiterkeit aus. Das Eis ist gebrochen und zwei Stunden später liegt ein erster Entwurf für eine mögliche Kooperation vor.
Das ganze Treffen hinterlässt bei mir einen surrealen, aber dennoch nicht unangenehmen Eindruck und so verlasse ich mit diesem merkwürdig widersprüchlichen Gefühl die Geschäftsräume des zukünftigen Partners. Vielleicht aus diesem Grunde übersehe ich die auf dem Bürgersteig vor mir liegende Gestalt. Im letzten Moment bremse ich meinen Schritt. Erschrocken blicke ich auf den unter mir liegenden Menschen hinab. Es ist ein alter Mann. Sein Körper ist ausgemergelt und von einem einfachen Hemd mit Anzugshose bedeckt. Das Gesicht ist eingefallen und von einem weißen Haarkranz umrahmt. Die Augen über der langen Nase sind geschlossen. Seine Atmung kommt stoßweise, fast hechelnd. „Er stirbt gerade!“ erkenne ich fassungslos. Meine indischen Kollegen reagieren entspannt, immer noch ein Lächeln im Gesicht. Eine Nummer wird gewählt. In der Zwischenzeit erstirbt die immer zaghafter werdende Atmung des Greises. Ein kurzes Zucken, fast wie ein Schütteln. Dann liegt er still. Zwei Männer kommen mit einem Schubkarren um die Straßenecke gebogen. Die Szene erinnert mich an das Mittelalter. Sie laden die Leiche auf, erhalten vom Regionalmanager einen geringfügigen Betrag zugesteckt und verschwinden die Straße hinab. Niemand meiner Begleiter scheint die Situation einer Bemerkung wert. Auch ich schweige, allerdings weil mich die Situation völlig überfordert hat. Irgendwie schaffe ich noch eine Verabschiedung hinzubekommen und trete meinen Rückweg ins „Imperial“ an.
Ist das gerade wirklich passiert? Ist dieser Mensch vor meinen Füßen gestorben, nein, regelrecht krepiert? Plötzlich explodiert etwas an meinem Hinterkopf. Für einen Moment schwanke ich wie ein Boxer kurz vor dem KO. Auf den Boden blickend, erkenne ich einen abgenutzten Cricket-Ball. Ich sehe über meine rechte Schulter zurück. Auf dem Platz hinter mir, der statt des grünen Rasens aus gelben, vertrockneten Gestrüpp und festgetrampelter, rötlicher Erde besteht, blicken mich etwa dreißig Jugendliche an. Wer für den Wurf verantwortlich ist, lässt sich nicht erkennen. Einige grinsen frech. Ich sehe die weißen Zähne in ihren dunklen Gesichtern. Ich gehe kopfschüttelnd und sehr traurig weiter.
Im Hotelzimmer lasse ich meinen Rechner hochfahren und öffne meinen Mail-Account, um mich vom Tag abzulenken. Ich habe ein Jobangebot erhalten. als Freiberufler soll ich nach Laos fliegen, um einen Abschlussbericht zu erstellen. es geht um die finale Bewertung eines mehrere Millionen Euro Projektes der EU, dessen Ziel es war, das Banksystem in Laos zu entwickeln. Obwohl es ein langer, grausamer Tag war, schreibe ich zwei Mails. In dem ersten Schreiben sage ich dem Angebot zu. Das zweite Mail ist an meine Chefin adressiert. Es enthält meine Kündigung.
Zuhause angekommen, diskutiere ich nachträglich mit meiner Frau die Konsequenzen meiner Entscheidung. Wir verbringen einige ruhige Tage miteinander. Nicht jeden Tag geben wir auf. Aber ich merke, dass ich nicht immer die Kraft habe, den nötigen Enthusiasmus auszustrahlen. Wir entscheiden uns, dass sie wieder anfängt zu studieren. Ich hoffe, dass dies sie ablenken und auf andere Gedanken bringen wird. Wir stecken tief in den Schulden. Laos. Die Tage bis zum Abflug nach Vientiane werden immer weniger. Und ich beginne wieder einmal meine Koffer zu packen.
OK, Vientiane also, die Hauptstadt der Volksrepublik Laos, besitzt nur 200.000 Einwohner. Aber Reisfelder mitten im Stadtkern sind schon etwas Besonderes. Meine Aufgabe hier ist es, als Gutachter ein Projekt der EU zu bewerten. Das Projektvolumen betrug über 3,5 Millionen Euro, welche innerhalb einer Projektlaufzeit von drei Jahren ausgegeben wurde. Am Ende meines vierwöchigen Aufenthaltes hier muss ich den Abschlussbericht fertigen, der das Projekt formal abschließt.
Das besagte Projekt zielt auf die Verbesserung des Bankensystems in Laos. Zu diesem Zweck wurden jede Menge Trainingsmaßnahmen durchgeführt. Ich sitze in der „Scandinavian Bakery“ eines schwedischen Auswanderers. Die Brötchen schmecken wirklich genauso wie in Schweden und es gibt sogar die typisch rote (Leucht-)Salami. Neben mir steht ein geschmückter Tannenbaum, nach Art des skandinavischen Jul-Festes mit schwedischen Flaggen und bunten Papierkörbchen dekoriert. Ich schaue aus dem Fenster auf den kleinen Platz. Draußen herrscht eine Bullenhitze; einige Bauern transportieren wie seit hunderten von Jahren ihre Ernten auf Tragstöcken zum nächst-gelegenen Markt. Mein Job sieht fundamental anders aus. Vor mir liegen Aktenordner voller Berichte. Warum wurde für über 50.000 € Training im Börsenhandel umgesetzt, obwohl in Laos für die nächsten zehn Jahre die Errichtung einer Börse, nicht einmal im Ansatz, geplant ist? Ich grabe mich weiter durch Zahlen, Pläne, Evaluationen, um einen Eindruck von dem Projekt zu erhalten. Überall sehe ich Aktionismus. Dort werden Putzfrauen, Pförtner und Chauffeure in die Seminare gepackt, um die Teilnehmerzahlen nach oben zu puschen. Die imposanten Teilnehmerzahlen sehen natürlich in der Außenwirkung wesentlich besser aus. Die meisten Teilnehmer besuchten ohnehin nicht immer aus Interesse die Weiterbildungsveranstaltungen, sondern weil sie dafür bezahlt wurden. Ich traue meinen Augen nicht, als ich die Quittungen sehe. Brauche frische Luft und entscheide mich zum Fluss runter zu gehen. Träge fließt der Mekong, … besonders hier. Eine Promenade am Wasser existiert nicht, lediglich ein paar primitive Hütten zieren das Flussufer. Dort wird das laotische Nationalgericht serviert, irgendetwas mit Schweinefleisch, Fisch und Minze. Ein angebundener Wasserbüffel blickt mich mitleidig an- was tue ich hier eigentlich?
Die europäischen Experten, welche das Projekt durchgeführt haben, sind Freiberufler wie ich nun auch. Wenn man nur ein paar Wochen oder Monate unterwegs ist, ist man „Kurzzeiter“, wenn man das ganze Projekt vor Ort begleitet (dies sind dann 24 bis 36 Monate vor Ort), ist man „Langzeiter“. Die Kurzzeiter erhalten einen Tagessatz von 600 bis 1.000 Euro. Die Langzeiter etwa 12.000 Euro im Monat. Dies ist in Ländern mit niedrigen Lebenshaltungskosten (wie beispielsweise in Laos, wo das durchschnittliche Jahreseinkommen bei 320 Dollar liegt), ein fürstliches Einkommen. Dazu ist es de facto steuerfrei, da (selbst, wenn Doppelbesteuerungsabkommen bestehen) die lokalen Finanzbehörden nicht die Transparenz und Durchsetzungskraft haben, zu handeln wenn in ihrem Land ein Langzeiter arbeitet, der sein Geld in Euro auf sein deutsches Konto überwiesen bekommt. Die dominante Strategie aller Langzeiter ist es, zu zeigen, dass in ihrem Projekt ordentlich was los ist. Sie erstellen auch die Berichte, welche die Grundlage für die Verantwortlichen der EU bilden, den Projektfortschritt zu beurteilen. Aber die EU-Repräsentanz in den einzelnen Ländern hat die gleiche Zielsetzung wie die Langzeiter: Aktionismus. Denn Brüssel soll sehen, das in Laos ordentlich was los ist. Das Problem ist das rechte Maß. D.h. die Aktivitäten in den entsprechenden Ländern, sollten angemessen auf diese angepasst werden.
Ach ja, heute habe ich Geburtstag. Am Ende des Tages suche ich ein Internetcafe auf – vielleicht haben meine Familie oder Freunde mir einen Gruß geschickt? Der schmierige Laden ist gut besucht. Mosquitos fliegen unter den Neonlampen. Ich bearbeite die ranzige Tastatur … und warte auf die Reaktion der langsamen Verbindung. Neben mir tut ein älterer Herr das Gleiche, aber er ist nicht allein. Sein junger Liebhaber ist fünfzehn, vielleicht sechszehn? Von dieser Sorte „Tourist“ gibt es noch mehr um mich herum. Sextouristen, welche nach Laos kommen, sparen eine Menge Geld und können trotzdem ihren dunklen Neigungen nachgehen. Im Vergleich zu den bereits günstigen Thailand und dem spottbilligem Vietnam hat Laos auch hier ein niedriges Preisniveau zu bieten. Das würde zu den Typen hier passen. Inständig hoffe ich, dass die Art und Weise, wie ich meinen Geburtstag verbringe, nicht richtungsweisend für das neue Lebensjahr ist.
Mein Aufenthalt in der Achselhöhle Südostasiens neigt sich dem Ende zu. Inzwischen kenne ich Vientiane ganz gut. Vorbei gehe ich an den alten Villen, in denen die französischen Beamten lebten, welche von der Kolonialmacht nach Laos entsorgt wurden, weil sie sich als zu unfähig oder dekadent erwiesen hatten. Tempel und Pagoden habe ich besucht, welche manchen Krieg mehr oder weniger gut überstanden haben. De Facto haben die Laoten in ihrer Geschichte eine Menge militärische Niederlagen kassieren müssen. Paradoxer Weise waren sie lediglich gegen die Vietnamesen siegreich, nachdem diese wiederum die USA gedemütigt hatten. Vielleicht ist für diese ambivalente Erfolgsbilanz, die sehr fatalistische Auslegung der Lehren Buddhas, verantwortlich. Warum sich anstrengen, es ist doch alles vorbestimmt? Habe ich mir AIDS von einem Sextouristen eingefangen: das ist eben mein Schicksal! Ist mir halt so vorbestimmt gewesen.
Am meinem letzten Wochenende besuche ich das „Plateau der Krüge“, welches ich –mangels geeigneter Infrastruktur- mit einem Militärhubschrauber erreiche (der entsprechende Offizier war einem kleinen Nebenverdienst nicht abgeneigt). Das besagte Plateau ist übersät mit hunderten von namengebenden Steinkrügen. Die Kultur, welche diese Krüge erschaffen hat, und der Zweck den diese Krüge hatten, sind unbekannt. Ein schöner Abschluss meines Aufenthaltes.
So gebe ich meinem Bericht, der ein kleines bisschen vernichtend ausgefallen ist, den letzten Schliff und versende ihn an die zuständige Stelle der EU. Einige Tage später erhalte ich die Mitteilung, dass mein Bericht nicht abgenommen wird. Wird der Bericht weiterhin nicht abgenommen, erhalte ich auch keinerlei Geld. Ich soll ihn neu überdenken und ihn positiver formulieren. Eine Recherche meinerseits zeigt mir den Grund: ein Folgeprojekt in Laos ist bereits politisch beschlossene Sache. Da passt ein kritischer Abschlussbericht nicht ins rechte Bild. Was soll ich tun?
5. A. Ich schöne den Bericht und stelle das Projekt als vollen Erfolg dar.
5.B. Ich bleibe stur und stelle das Projekt realistisch in vielen Bereichen als Fehlleistung dar.
