Der Helfer · Kapitel 5
Das fünfte leben: Der Tod und das Schaf
5. A. Ich schöne den Bericht und stelle das Projekt als vollen Erfolg dar.
Ich knicke ein, hauptsächlich des Geldes wegen. So überschlägt sich mein Bericht in Lobeshymnen auf das Projekt in Laos: es war eine einzige Erfolgsstory vom ersten bis zum letzten Tag! Nachdem ich alle Superlative ausgeschöpft habe, sende ich das Machwerk gen Brüssel. „Sehen sie, ich wusste doch, dass Sie zur Vernunft kommen würden!“ so beginnt die Mail, welche ich prompt als Reaktion aus den heiligen Hallen der Europäischen Union erhalte. In meinen Gedanken, sehe ich einen feisten Eurokraten, welcher mir väterlich zulächelt. „Warum nicht gleich so?“ scheint er mir verschwörerisch zuzuraunen und mich dabei freundschaftlich in die Seite zu knuffen.
Mein Mangel an Idealismus hat sich allerdings gelohnt. Nur wenige Tage später erhalte ich einen neuen Job, inhaltlich ähnlich gelagert wie der in Laos, aber diesmal in Albanien. Und dieses Mal gibt es keine Irritationen, denn ich habe meine Lektion gelernt. Alle sind sehr zufrieden mit meinem enthusiastischen Bericht. Nur wenige Monate nach meiner Rückkehr aus Durres, erhalte ich ein Angebot, als Projektmanager direkt bei der EU zu arbeiten. Sofort sage ich zu.
Natürlich ist Brüssel nicht jedermanns Sache. Die Lebenshaltungskosten und Mieten sind unglaublich hoch, aber wenn man bei der EU arbeitet ist dies egal, denn man erhält das doppelte Gehalt wie für eine vergleichbare Position in Deutschland, steuerfrei und mit Zulagen. Alle meine finanziellen Sorgen sind nun gelöst. Ich wundere mich, dass meine Frau immer wieder Dinge findet, welche sie kaufenswert findet. Unten im Keller stapeln sich Deckchen, Stiefel, Klamotten und Kerzenständer.
Ich selbst bin nun als Projektmanager für das Land Albanien zuständig. Ein toller Posten, denn Albanien bietet das Potential für Entwicklungshilfe-Projekte für Jahre, nein, Jahrzehnte hinaus. Immerhin ist jeder dritte Einwohner unter der Armutsgrenze, die Infrastruktur ist fast völlig erodiert, das Bankensystem wie die gesamte Wirtschaft des Landes am Boden.
Das Einzige, was ich mit dem Albanien verbinde, ist eine Situation vor einigen Jahren in Peking. Ich ging im Diplomaten-Viertel spazieren, um in meinem Lieblingspub „John Bull“ ein Glas Wein zu trinken. Auf meinem Weg komme ich an einem riesigen, sehr luxuriösen Gebäude vorbei. Die Botschaft der USA? Nein, ich stand vor der Botschaft Albaniens. Das beeindruckende Gebäude wurde den Albanern von den Chinesen finanziert, als Dank dafür, dass diese die einzige Nation war, welche China zu den Massakern an den Studenten auf dem Tian’anmen-Platz gratulierten.
Ja, Albanien. Nun koordiniere ich die Beitritts-Verhandlungen Albaniens zur EU. Und ich wundere mich, dass sich in den westlichen Beitrittsländern keinerlei Diskussion regt, dieses Phänomen war auch beim Beitritt von Rumänien und Bulgarien zu beobachten. Keine Reaktion! Ist es den Menschen in Deutschland (insbesondere als Beitrittsland mit den höchsten Zahlungen an die EU) nicht klar, dass sie ihren Lebensstandard nach unten korrigieren müssen, damit diese neuen Beitrittsländer ihren erhöhen können? Die EU fungiert hier als Umverteiler. Und zwar solange, bis sich ein europäischer „Durchschnittsstandard“ bildet, der wahrscheinlich weit unter dem jetzt Gewohnten liegen wird. Offensichtlich besteht kein Interesse.
Mein Budget ist hoch, ein Zeichen meiner Bedeutung und in der Tat gibt es viel zu tun. So viel zu tun.
ENDE
5.B. Ich bleibe stur und stelle das Projekt realistisch in vielen Bereichen als Fehlleistung dar.
Ich bleibe stur. Nach mehreren unwesentlichen Nachbesserungen habe ich die Entscheider in Brüssel soweit entnervt, dass sie schließlich irgendwann beigeben und meinen durchwachsenen Bericht akzeptieren.
Und einen neuen Auftrag gibt es auch. Der Einsatzort ist Kirgistan und der Auftraggeber die Kreditanstalt für Wiederaufbau (kfw). Die kfw setzt auf die sog. finanzielle Entwicklungszusammenarbeit, d.h. sie bietet Kreditlinien an, welche lokale Unternehmen für Investitionen nutzen können. Kerngedanke der kfw ist, dass die schlechte Wirtschaft in diesen Ländern auf einen schlechten Zugang zu Kapital basiert. Dieses Kapital wird durch die Kredite der kfw, zu relativ günstigen Zinssätzen, bereitgestellt. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Kredite die lokale Wirtschaft ankurbeln sollen.
Nun sitze ich in einem Aeroflot-Flieger von Moskau nach Bishkek. Es ist eine kleine Tupolev-Propeller Maschine und ein echter Schrotthaufen. Der Flug hat kaum Passagiere. Früher hätte ich mir Sorgen gemacht, weil es offensichtlich erscheint, dass diese heruntergewirtschafteten Maschinen zwangsläufig wie Blei-Enten abstürzen müssen. Aber inzwischen weiß ich es besser. Die neuen, modernen Maschinen sind gefährlich. Die sollte man meiden. Der Grund: die Piloten kennen ihre alten Kisten in- und auswendig. Auf den neuen Maschinen sind sie aber kaum geschult. Also ignoriere ich den desolaten Zustand in der Flugkabine, bestelle mir bei einer freudlosen Stewardessen-Matrone noch eine Cola und schließe die Augen.
Bin also wieder unterwegs nach Zentralasien. Zentralasien. Hier fing alles an. Vor so vielen Jahren. Mein erster Einsatz in der Entwicklungshilfe als Trainer für Organisationslehre in Baku. Nachdem ich meine desolaten Geografie-Kenntnisse berichtigt hatte („Baku hört sich irgendwie afrikanisch an“), sagte ich zu, für drei Wochen nach Aserbaidjan zu gehen. Bald schlichen sich erste Bedenken ein, da ich frisch von der Hochschule kam, aber Doktoren und Geschäftsführer unter meinen Teilnehmern hatte. Wie würden diese reagieren, wenn sie ein Greenhorn wie mich vorgesetzt bekommen? Entgegen meinen Befürchtungen lief das Seminar gut: die Teilnehmer waren zufrieden und ich extrem erleichtert. Wahrscheinlich wurde ich deshalb unvorsichtig, denn leichtfertig sagte ich zu einer kleinen und spontanen Abschlussfeier nach getaner Arbeit nicht nein. In diesem Kontext fielen mir gerade noch rechtzeitig schlimme Geschichten über kultur-bedingte Alkohol-Exzesse ein. Mein Wunsch doch nur Sekt zu trinken, stieß überraschenderweise auf keinerlei Gegenwehr. Es wurde viel gelacht-ein schöner Abend. Dann machte ich den ersten von insgesamt zwei Fehlern: einer der Teilnehmer, Herr Buniatov, lud mich zu einem Abschlussessen in einem der besten Fisch-Restaurants in Baku ein. Ich sehe sein Gesicht noch jetzt vor mir, als ob er neben mir sitzen würde. Seine oberen Zähne fehlten komplett, was ihn irgendwie einen Gesichtsausdruck verlieh, wie ihn Schauspieler häufig hatten, welche in alten Hollywood-Streifen Nazi´s darstellten mussten („We have ways to make you talk“). Toll! Dachte ich naiv, wenn ich etwas in den Magen bekomme, geht es mir bestimmt besser: Fehler Nr. 1.
Als wir dort ankamen, bog sich der Tisch unter den kredenzten Spezialitäten, darunter viele Gerichte mit geräuchertem Fisch aus dem kaspischem Meer. Klasse! Dankbar blickte ich zu Herrn Buniatov, der mich mit breitem Grinsen anlächelte. Gerade wollte ich zugreifen, da ergriff Herr Veliev das Wort. Er hatte sich autodidaktisch Deutsch angeeignet und fungierte als Übersetzer: „Herr Buniatov hat noch ein Gedicht vorbereitet“. Dabei zog dieser eine abgenutzte Lesebrille hervor und las. Das Gedicht hieß „Die Blumen Deutschlands“, oder so ähnlich. Es handelte von Formen, Vögeln und Frauen. Es war schlecht und natürlich stießen wir darauf an. Und natürlich war das gefüllte 0,2 Liter Glas purer Wodka. Natürlich stürzte ich es hinunter, in maßloser Selbstüberschätzung meiner eigenen Grenzen.
Goldzähne blitzten in grinsenden Gesichtern. Ich erinnere mich genau, wie ich roboterartig auf die Toilette zu marschierte, an das entsetzte Gesicht des Kellners erinnere ich mich auch, als ich würgend schon auf dem Weg dorthin anfing zu kotzen, an das Gesicht der Klofrau, die mir mitleidig meine Stirn mit ihrem Schmierlappen wischte. In all diesem Elend erkannte ich die Peinlichkeit meiner Situation. Laut meldete sich mein Stolz (oder was von ihm übrig geblieben war) und so verließ ich die feucht-fröhliche Gesellschaft. Heute noch, erzähle ich es jeden, der es höre will oder muss, dass ich es in meinem Zustand schaffte, die sieben Schlösser der angemieteten Wohnung unter 45 Minuten zu öffnen. Die Nacht war aber noch nicht vorbei und ich gab auf dem Klo alles und noch viel mehr. Es reichte schon die Spülung zu betätigen. Dann liefen meine Gedanken immer wieder Amok und spielten ungefragt folgende Kausalität durch: Wasser! Im Wasser leben Fische! Genauer: geräucherte Fische! … und schon ging es wieder los. Als ich den letzten Rest Galle gab, durchzuckte mich eine Sequenz, wie ich zu irgendeinem Vorschlag von Herrn Buniatov euphorisch zustimmte. Verdammt! Zu was sagte ich zu??? Ich spulte die Szene in Gedanken vor und zurück, langsam reduzierte ich den Filmriss. Meine Zusage betraf eine Hafenrundfahrt am nächsten Tag. Im Hafen leben Fische, geräucherte Fische … Halt! So ging das nicht. Das musste ich jetzt hinkriegen. Mit winzigen Schlückchen Cola ging es langsam aufwärts und schließlich stand ich mit wackeligen Beinen vor dem Boot. Dies war Fehler Nr. 2. Ich stieg an Bord, umrundete die Aufbauten und da saßen sie alle um den Tisch, wie Dämonen aus der tiefsten Hölle. Der Tisch war kaum zu sehen unter den Stapeln von Bunitovs Gedichten und verdammt vielen Wodka Flaschen. Und geräucherten Fisch gab es natürlich auch.
„Dr. Hafskjold, nehme ich an?“. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen und gleichsam in die Wirklichkeit zurückgezwungen. Ich öffne meine Augen und blicke in ein mir unbekanntes Gesicht. „Jaaaa“ sage ich gedehnt und vorsichtig. „Mein Name ist Dr. Manz. Entschuldigen Sie bitte meine Störung, aber wir sind Kollegen im anstehenden Projekt. Ich wollte mich nur kurz vorstellen!“. „Natürlich, natürlich …“ murmle ich verlegen und richte mich in meinem vergammelten Sitz auf. Irrtümlich nahm ich an, dass Herr Dr. Manz eine Maschine früher nach Bishkek genommen hatte, deshalb überrascht mich sein Erscheinen in diesem Moment.
Ein netter Kerl. Auf seinem Kopf sind kaum noch Haare vorhanden, aber dies kompensiert er locker durch einen mächtigen Schnurrbart. Ein kleines bisschen ähnelt er der Figur James Finlayson, dem Widersacher von Laurel und Hardy in unzähligen Schwarz-Weiß Filmen. Die lockere und ruhige Art des Mannes gefällt mir. Etwas befremdlich ist eigentlich nur seine Angewohnheit, auch den rustikalsten Stewardessen auf deren Gesäß zu starren. Er scheint ein alter Hase in der Entwicklungszusammenarbeit zu sein, denn er weiß treffsicher, dass auf bestimmten Flügen (und dieser gehört dazu), eine Wodka-Flatrate angeboten wird. Kaum hat er diese Information mit mir geteilt, das stellt er auch schon unter Beweis, dass er das Angebot auch nutzen kann. Der Junge kann echt etwas vertragen; eine praktische „Gabe“, wenn man in russisch geprägten Regionen dieser Welt beruflich unterwegs ist.
Und er kann erzählen. Im Moment berichtet er, unter zur Hilfename von Händen und Armen, über die letzten Marco Polo Schafe, welche da unten, tief unter uns heimisch seien. Überflüssigerweise blicke ich durch das kleine Fenster des Fliegers nach unten. Und tatsächlich: wir fliegen über ein Gebirge. Allerdings ist von Ziegen oder anderen Lebewesen, wegen der Höhe in der wir uns befinden, aber natürlich nichts zu erkennen. Doc Manzens Augen blitzen kurz auf, offensichtlich hat er gerade einen bemerkenswerten Einfall, dann entschuldigt er sich mit schwerer, etwas schleppender Stimme und verschwindet Richtung Cockpit, in den vorderen Teil der kleinen Maschine. Es dauert etwas, bis er wieder auftaucht, aber das darauf folgende Ereignis passiert sehr schnell. Dr. Manz kommt zurück, und grinsend wie ein Schuljunge, springt er auf seinen Sitz. Die abgenutzte Sitzgelegenheit quietscht kurz protestierend auf. Dann gibt er mir den gut gemeinten Ratschlag, mich doch besser anzuschnallen. In diesem Moment kommt über die Lautsprecher-Durchsage etwas auf Russisch. Zeitgleich beginnt die betagte Maschine mit einem Sturzflug, auf die unter uns liegende Gebirgsformation. Bei diesem Manöver klebt Dr. Manz am Fenster und ruft wie ein Kind, welches gerade alle Erziehungsberechtigten auf einmal ausgetanzt hat: „Die 100 Dollar für den Piloten haben sich echt gelohnt! Schauen Sie! So schauen Sie doch! Dort ! Das könnte doch ein Marco-Polo Schaf sein, oder? Oder? Bin mir fast sicher.“
Paradoxe Interventionen wie diese, haben den Vorteil, dass das Gehirn Probleme hat, sie in ihrer gesamten Tragweite zu erfassen und die entsprechend bizarre Wahrnehmung zielgerichtet zu bearbeiten. Aber der gesamte Aufenthalt in Kirgistan sollte einer paradoxen Intervention gleichen: im Guten, wie im Schlechten.
Unsere Aufgabe hier ist es, die Vergabe der kfw-Kredite an kirgisische Unternehmen zu überwachen und die mit den Krediten verbundenen Bedingungen durchzusetzen. so dürfen natürlich keine privaten Investitionen durch die Kreditlinie finanziert werden. Kurz nach unserer Ankunft, werden wir aber mit genau so einem Fall konfrontiert. Ein Textilhersteller hat offensichtlich seinen Investitionskredit zweckentfremdet und sich von dem Geld drei Mercedes-Limousinen gegönnt. Um eine mögliche Lösung für dieses Problem zu finden, suchen wir am nächsten Tag Herrn Dill auf. Herr Dill ist Parlamentarier im kirgisischen Parlament und ist derjenige, welcher die Interessen Deutschlands in Kirgistan vertritt. Er gibt uns netterweise eine Audienz und kurze Zeit später, sitzen wir ihm in seinem Büro gegenüber, nur getrennt voneinander durch den größten Schreibtisch, den ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Herr Dill erfüllt die Anforderungen, welche man sich grundsätzlich vom Erscheinungsbild eines Parlamentariers macht. Sein Gesicht weißt keine herausstehenden Merkmale auf. Kinn und Stirn wirken etwas fliehend und verleihen dem Gesicht eine gewisse Unverbindlichkeit. Lediglich seine Hände überraschen mit einer Grobheit, welche nicht so recht zu dem harmlosen äußeren Gesamteindruck passen wollen. Insgesamt scheint er ausgeschlachteter, billiger als Politiker aus dem Westen.
Nachdem sich Herr Dill unser Problem mit selbstgefälligem Lächeln angehört hat, dabei seine Hände vor dem stattlichen Bauch verschränkt haltend, scheint er kurz nachzudenken, dann schlägt er uns eine Lösung vor. Die Lösung besteht aus einer Zahl. Die Zahl lautet: 12.000! „12.000?“ hackt Dr. Manz etwas ratlos nach. „Ja, für 12.000 US Dollar kann ich ihr Problem beseitigen!“ spricht Herr Dill immer noch lächelnd und mit einem ruhigen Unterton, welcher zeigt, wie selbstverständlich er sich seiner Macht bewusst ist. In meinem Schädel rotieren die Gedanken: es scheint so, dass uns der offizielle Vertreter der deutschen Interessen im kirgisischen Parlament gerade anbietet, einen säumigen Schuldner für eine verhältnismäßig geringfügige Summe von 12.000 US Dollar, aus dem Weg räumen zu lassen. In diesem Falle würde eine Kreditausfallversicherung greifen und das ent(f)liehende Geld würde von der Versicherung wieder zurück in den Fond fließen.
Dankend, lehnen wir ab. Den gesamten Weg zurück in das Hotel hoffe ich, dass ich es niemals schaffen werde, auf die Liste von Herrn Dills „Lösungen“ zu gelangen. Nur wenige Stunden später, auf einer Gala im Hilton, werde ich die nächste Lektion über den Wert eines Menschen in Kirgistan erfahren.
Als Fach-Experten der kfw werden wir gebeten auf einem Empfang verschiedener Geberinstitutionen teilzunehmen und dabei unseren Auftraggeber zu repräsentieren. Der Empfang findet in hiesigen Hilton statt. Nur ungern gehe ich zu solchen Veranstaltungen, da ich wenig Gespür und Interesse am notwendigen Smalltalk habe.
Wenige Tage vor dem Empfang hat der trinkfreudige Präsident Akajev, einem gewissen Dr. Otto, dem betagten Gründer des gleichnamigen Versandhandels und passionierten Jäger, eines der seltenen kirgisischen Marco Polo Schafe zum Abschuss freigegeben. Wahrscheinlich haben ihm zwei Kirgisen das Schaf vor die Flinte getrieben, während ein anderer den Finger des alten Herrn gekrümmt hat. Begleitet wird Dr. Otto von einem ehemaligen Ministerpräsidenten Brandenburgs, der nun seine politischen Kontakte als Berater versilbert.
Dieser Mann ist der Politiker deutschen Stils, arrogant, sehr gut gekleidet, eloquent. Eigentlich wie Dill, nur professioneller, geschliffener, aber vom Typ her genauso gierig und skrupellos. Dieser „Berater“ trifft auf die junge idealistische Biologin, die gleichzeitig Projektleiterin des Projektes „Schutz der Marco-Polo Schafe“ ist, durchgeführt von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (giz) und 100% finanziert von deutschen Steuergeldern.
Wahrscheinlich kommt sie vergleichsweise frisch von der Uni und weiß deshalb noch nicht, wie der Hase, bzw. das Schaf, in diesen Dingen läuft. Zur Rede gestellt, warum eben diese schützenswerten Tierchen, Ziel waidmännischer Umtriebe sind, reagiert der ehemalige Minister gereizt: „Der Herr Dr. Otto ist zehn dieser Schafe wert!“. Damit hat er natürlich Recht, so ist der normale Mensch nach einem erfüllten Leben sicher nur ein Ohr oder einen Fuß dieser begehrten Kreaturen wert.
Das Parkett lichtet sich, immer mehr Gäste verlassen die Veranstaltung. Und schließlich sind nur noch Dr. Manz und ich übrig. Wir beschließen, noch einen letzten Absacker an der Bar zu uns zu nehmen. Wir erzählen von unseren Einsätzen, all diesen Ländern und Menschen. Wir erzählen über unsere Erlebnisse und Abenteuer, unsere Erfahrungen in dieser riesigen, verrückten und wunderbaren Welt. Irgendwann werde ich privat und schildere die Umstände, welche bei mir zu Hause herrschen: mein Kampf gegen die endlosen Ausgaben, die Depression meiner Ehefrau. Dr. Manz schaut mich nachdenklich an. Dann sagt er schließlich. „Sei mir nicht böse, aber Du wirst es niemals schaffen auf einen grünen Zweig zu kommen. Es ist unmöglich.“. Seine Worte schocken mich, vielleicht wegen ihrer Härte, aber wahrscheinlich deshalb, weil ich weiß, dass sie wahr sind. „Willst du noch mit, vielleicht brauchst du etwas Ablenkung?“ versucht Dr. Manz mich aufzumuntern. Wahrscheinlich will er den hiesigen Rotlicht-Bezirk einen Besuch abstatten. Meine Stimmung ist ganz weit unten, außerdem habe ich immer das Milieu gemieden, zu groß meine Angst, dort mit Situationen konfrontiert zu werden, welche man nicht mehr kontrollieren kann.
Dr. Manz hat diese Bedenken augenscheinlich nicht, denn seine nächtlichen Besuche in der Halbwelt beginnen an diesem Abend und werden immer mehr zur Routine. Was er dort macht, bleibt sein kleines, wohl schmutziges, Geheimnis. Ich frage auch nicht, es geht mich nichts an. Seinen Job macht er einwandfrei, und wir kommen Woche um Woche im Projekt voran. Am vorletzten Tag besuchen wir noch ein Projekt der European Bank for Reconstruction und Development (EBRD), eine europäische Entwicklungsbank mit Sitz in London, finanziert durch Gelder der EU. Im Unterschied zur kfw, lehnt die EBRD eine Vergabe von Krediten unter dem in diesen Ländern üblichen Zinsen ab, da sie Wettbewerbsverzerrungen befürchtet. Nun ist der gängige Kreditzins in Kirgistan über 30% per anno, also in einem Bereich, der in Deutschland alle Voraussetzungen des Wuchers erfüllen würde, hier in Kirgistan aber völlig normal ist. Wir besuchen ein solches Unternehmen im Fergana-Tal, über der nördlichen Grenze Afghanistans gelegen. Die EBRD finanziert den Anbau von Mais. Die Stimmung ist ausgelassen, der Geschäftsführer gut drauf und bewirtet uns herzlich. Es gibt Hammel satt und wir schaffen es sogar, die Schafsaugen nicht essen zu müssen, ohne dabei den Gastgeber in seiner Ehre zu kränken. Wir revanchieren uns mit einigen mitgebrachten Zigarren, welche die Kirgisen begeistert annehmen und sogleich auf Lunge rauchen. Es wird ein schöner Nachmittag und als es zum Abschied kommt, liegt vor uns ein langer Weg zurück nach Bishkek. Es ist Zeit aufzubrechen, und ich gehe an den Maisfeldern vorbei zum Jeep. Plötzlich halte ich inne, irgendetwas stimmt nicht. Dahinten im Maisfeld, war da nicht? Nein, das kann nicht sein! Oder doch? Ich verlasse den Weg und bereite mich vor, das Maisfeld zu betreten. Sofort ist unser Gastgeber zur Stelle und versperrt mir den Weg. Seiner Gastfreundschaft ist Nervosität gewichen. Freundlich, aber sehr bestimmt, drängt er mich zu unserem Fahrzeug. Seine Anspannung nimmt erst wieder ab, als wir alle im Wagen sitzen und abfahren. „Hast du es gehen?“ frage ich meinen Kollegen. „Natürlich.“ antwortet Dr. Manz. „Glaubst du wirklich, du verdienst hier so viel mit Mais-Anbau, dass du über 30% Zinsen zahlen kannst? Nein: eine europäische Entwicklungsbank finanziert den Mohn- und somit den Opium-Anbau in dieser Region!“.
Als wir wieder in unserem Hotel ankommen, möchte ich ihn auf ein Glas Wein einladen. Er scheint zu überlegen, vielleicht tut er dies auch nur aus Höflichkeit mir gegenüber, entscheidet sich aber dann dagegen. Wir verabschieden uns voneinander und ich verspreche ihm, ihn Morgen rechtzeitig zu wecken, damit wir unseren Flug zurück problemlos erreichen können.
Habe so gut geschlafen, wie lange nicht mehr. Schnell ziehe mich an, schließe meine, am Vorabend schon fertig gepackten Koffer, und trete auf den Flur, um meinen Kollegen zu wecken, damit wir noch ein gemeinsames Frühstück einnehmen können. An seiner Zimmertür angekommen, stelle ich meine Koffer kurz auf den Boden und klopfe. Keine Reaktion. Auch ein stärkeres Klopfen bleibt ergebnislos. Da fällt mir auf, dass die Tür nur angelehnt ist.
Was soll ich tun?
6.A. Ich öffne die Tür des Hotelzimmers.
6.B. Ich wende mich ab und versuche so schnell wie möglich den Flughafen zu erreichen.
