Avenor

Der Helfer · Kapitel 6

Das sechste Leben: Der lange Schatten der Triaden

6.A. Ich öffne die Tür des Hotelzimmers.

Als ich die bereits angelehnte Tür vollständig öffne, ahne ich bereits, was mich erwartet, bevor ich das schreckliche Bild, welches sich mir bietet, vollständig erfasse. Dr. Manz liegt nackt auf den Rücken seines schäbigen Hotelbettes. Seine Arme sind ausgebreitet, als ob er den letzten Sekunden seines Lebens noch etwas Großartiges in Empfang nehmen wollte. Aber das Element, welches des Gesamteindruck dominiert ist das ganze Blut. Das Bett scheint darin zu schwimmen und ich bemühe mich nicht in eine der dunkelroten Lachen zu treten, welche sich überall um den Tatort gebildet haben. Nur Sieben Liter Blut fasst der menschliche Körper, denke ich, der Situation völlig unangemessen. In der Luft hängt ein hässlicher Geruch nach ranzigem Metall, als ich mich, meine zunehmend zitternden Knie ignorierend, um das Bett herum bewege. Nun kann ich sein Gesicht sehen, welches bisher durch ein Kissen halb verdeckt blieb. Ich würge. Seine aufgerissenen Augen starren leblos an die Decke, aber noch furchtbarer ist ein tiefer Schnitt, welcher unterhalb des Kiefers quer über seinen Hals klafft. Aus diesem Loch, hängt etwas. Es ist der Zungenapparat des armen Teufels. Ein bisschen sieht es aus, wie eine perverse Krawatte.

So nennt man diese Hinrichtungsart in Mafia-Kreise dann auch: Rotkelchen oder Krawatte. Zurückwankend und den massiven Brechreiz unterdrückend, entfliehe ich der schaurigen Szene. Die Polizei ist wenige Minuten später am Tatort. Wenn ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation ermordet wird, bedeutet dieses immer schlechte Publicity für das Land. Deshalb erhalten solche Einsätze anscheinend eine hohe Priorität. Gegenüber den eintreffenden Beamten bemühe ich mich alle Fragen wahrheitsgetreu und progressiv zu beantworten, dabei meine irrationale Angst unterdrückend, am Ende mangels Alternativen vielleicht sogar als Verdächtiger dazustehen. In der Tat muss ich noch einige Tage länger im Lande bleiben, um für mögliche Rückfragen zur Verfügung zu stehen. Aber schließlich verliert sich die Spur im Rotlicht-Milieu der Hauptstadt. Als der Nachtportier letztendlich zur Protokoll gibt, dass Dr. Manz mit zwei Damen mitten in der besagten Nacht das Hotel aufsuchte und mit diesen ohne Umschweife in sein Zimmer verschwand, werden die Untersuchungen eingestellt. Ob dies wirklich aus Mangel an Beweisen geschieht, oder weil mafiose Kräfte die Untersuchung bereits erfolgreich unterwandert, bestochen und korrumpiert haben, entzieht sich meiner Wahrnehmung.

Sehr erleichtert bin ich, endlich wieder zu Hause zu sein. Zum Glück geht es meiner Frau besser. Die Entscheidung wieder ein Studium an der Uni aufzunehmen, schien die Richtige gewesen zu sein. Das Studium lenkt sie von der Depression ab. Am Anfang muss ich sie noch auf Vorlesungen begleiten, dann nimmt sie diese aber von sich aus in Angriff. Zusätzlich ändert sich das Medikament, welches sie verschrieben bekommt. Sie wird nun aktiver, fast schon aggressiv. Aber dennoch eine Verbesserung zu der vorherigen Medikamentierung, welche ein träges und passives Verhalten verursacht hat. Was mir bei der ganzen Sache zunehmend unheimlich erscheint, ist wie die Medikamente Charakterzüge und sogar Gefühle zu verändern scheinen.

Wenige Monate später sind die Einnahmen aus dem Kirgistan-Projekt aufgebraucht. Und durch verwinkelte Gassen, sind meine Erfahrungen mit der kirgisischen Mafia offensichtlich jemanden zu Ohren gekommen, der genau in diesem Bereich ein Projekt zu vergeben hat. Wieder geht es nach China, diesmal um die Zentralbank darin zu unterstützen, Geldwäsche-Aktivitäten der Triaden aufzudecken. Mein Job ist es, gemeinsam mit einem Experten für Geldwäsche der schwedischen Zentralbank, tausende von chinesischen Bankern darin zu unterweisen, wie man verdächtige Transaktionen erkennt und entsprechend bekämpft.

Mit diesem Projekt hätten wir finanziell für eine sehr lange Zeit Ruhe, aber ich müsste für ein Jahr nach Peking. Meine Frau und ich diskutieren die Pro und Contras und schließlich nehme ich den Job an. Wieder geht es unter der Flagge der EU „ins Feld“. Manchmal frage ich, wieso die EU überhaupt für Länder wie China Entwicklungshilfe betreibt, immerhin hat China Deutschland als Exportland schon längst überflügelt und müsste für ihre nationalen Probleme und die Instandhaltung der eigenen Infrastruktur eigenverantwortlich tätig sein. Sicherlich profitieren nur etwas über 30% der Bevölkerung von dem wirtschaftlichen Aufschwung des Landes, aber dies sollte ebenfalls Problem der lokalen Regierung sein. Viele Male bin ich schon in China gewesen. Beim ersten Mal fuhren sie alle noch auf Fahrrädern und trugen blaue Uniformen. Ich erinnere mich noch an das Rauschen, wenn die „Ampelfrau“ (statt einer Ampel gab es eine Frau mit Flagge) durch ein Signal die Hunderte von Fahrradfahrern in Bewegung setzte … . Heute brauche ich für eine Strecke, für die ich damals dreißig Minuten mit Fahrradrikscha unterwegs war, über zwei Stunden mit dem Taxi. Die Rikschas sind inzwischen verschwunden, und wurden durch einen permanenten Dauerstau ersetzt. Ich erinnere mich an den Wandel im Verhalten deutscher Manager über die Jahre, welche China erst als unterentwickelt und ineffizient verlachten und schließlich den Chinesen, ob ihrer zunehmenden wirtschaftlichen Bedeutung, in den Hintern krochen. Ein schizophrenes Verhalten, welches man heute noch im Umgang deutscher Politiker mit den in China fehlenden Menschenrechten erkennen kann.

Egal, ich bin Söldner. Nicht mehr, nicht weniger. Ich bin nicht hier um Sinn-Fragen zu stellen, sondern um ein bestimmtes Problem zu lösen. Dafür werde ich bezahlt. Die Triaden. Mafia. Soll ich mich fürchten? Kirgistan steckt mir immer noch in den Knochen. Ich sehe Dr. Manz vor mir: nackt und blutend. Aber er hat dieses Ende selbst heraufbeschworen. Ich muss nur vorsichtig sein. Sehr vorsichtig. Ich erinnere mich an ein Seminar in Russland, Rostov am Don. In einem Workshop zeigte ich, wie man einen Businessplan erstellt. Ein Teilnehmer wies mich darauf hin, dass meine Aufzählung der typischen Betriebskosten unvollständig sei. „Oh, verzeihen Sie! Das kann passieren.“ antwortete ich damals „Bitte ergänzen Sie die Übersicht.“. „Es fehlen die Ausgaben für Mafia!“ kam die Antwort. Ich dachte an einen Scherz und lachte spontan laut auf, aber ich war der Einzige, der dies lustig fand. Da begriff ich, dass die Mafia in einigen Ländern allgegenwärtig ist. Die Menschen zahlen Schutzgebühren so selbstverständlich, wie sie ihre Rechnungen für Wasser und Strom zahlen. Heute denke ich, dass Russland beim Auseinanderbrechen der Sowjetunion nur deshalb nicht in einen bürgerkriegsähnlichen Zustand versank, weil die Mafia, welche das gesamte politische und soziale Leben durchdrang, daran kein Interesse hatte. Immerhin würde sie durch einen Bürgerkrieg am Meisten verlieren.

Mein Feind ist also allgegenwärtig. Ich muss versuchen, ein Jahr lang unter dem Radar zu fliegen. Unauffällig bleiben.

Nach meiner Ankunft im Minzu Hotel (übersetzt „Das Hotel der ethnischen Minderheiten“), lerne ich meinen Kollegen für das kommende Jahr kennen: Thomas. Wie alle Skandinavier duzten wir uns. Irgendwie sieht er selber ein bisschen wie ein Mafiosi aus. Ich schätze sein Alter auf etwas über fünfzig Jahre. Er ist hochgewachsen und schlank, und wirkt auf mich fast schlaksig. Er hat ein längliches Gesicht, welches durch eine rote Nase dominiert wird, an der er immer ausgiebig kratzt, wenn er nachdenkt. Seine dunkelbraunen Haare trägt er lang, nach hinten gekämmt und gegelt, während ein bleistiftdünner Schnurrbart seine Oberlippe ziert. Wie viele meiner Kollegen in der Entwicklungshilfe, ist auch er ein schillernder Typ. Neben seiner Tätigkeit für die schwedische Zentralbank, gehört er zu Schwedens besten Bluesgitarristen.

Am Anfang eines solchen Projektes steht immer ein Kick-off Meeting. Eine sehr wichtige Veranstaltung, da man hier die Entscheidungspersonen und das Projektteam kennenlernt. Man sollte nicht am Vorabend einer solch wichtigen Präsentation in einem billigem „hole in the wall“ Restaurant essen. Ich spreche gerade, seit etwa zwanzig Minuten, über die volkswirtschaftlichen Auswirkungen von Geldwäsche, als ich bemerke, dass ich schleunigst die nächste Toilette aufsuchen sollte. Lächelnd, mit einigen Schweißtropfen auf der Stirn, schlage ich eine Pause vor. Alle stimmen zu; wenn sie irritiert sein sollten, zeigen sie es freundlicherweise nicht. Äußerlich gelassen verlasse ich den Raum und gehe um die nächste Ecke. Kaum bin ich um diese herum, sprinte ich wie von der Tarantel gestochen zu den ausgewiesenen Toiletten. Jetzt steht jede Menge Schweiß auf meiner Stirn.

Endlich habe ich die Toiletten erreicht und stutze. Die sanitären Anlagen passen eher in die Ming Dynastie, als in einem modernen Büro-Komplex. Ein Loch im Boden. Mehr nicht. Habe keine Wahl. Kurz schaue ich in das dunkle Loch hinab. Mein Blick verliert sich in braune Tiefen.

Aber warum kann man das, ich nenne es einmal wohlwollend „Separee“, nicht abschließen? Egal, schnell jetzt. Wahrscheinlich sind die Chinesen taktvoll und sehen anhand der Schuhe unter der Schwingtür, dass die Toilette besetzt ist. Also lege ich mein Jackett über den Arm und hocke mich über das Loch. Plötzlich bin ich nicht mehr allein, denn vor mir steht, von einem Moment auf den anderen und ohne Vorwarnung erscheinend, der zuständige Leiter des chinesischen Institutes zur Bekämpfung von Geldwäsche. Bingo.

Instinktiv springe ich aus der unwürdigen Position nach oben und halte mein Jackett schützend vor mir. Der Geschäftspartner entschuldigt sich gefühlte 1.000 Mal und verschwindet beschämt. Ich setze irritiert und gedemütigt mein Geschäft fort. Als ich fertig bin, fällt mir die ungewohnte Leichtigkeit meines Jacketts auf. Ich schaue nach unten in das Loch des Grauens. Spielen mir die Lichtverhältnisse einen Streich, oder blitzt dort nicht eine Bordeaux-rote Ecke in der Latrine auf. Die Farbe kommt mir seltsam bekannt vor: es ist mein Reisepass.

Es gibt definitiv Situationen im Leben, wo man sich in Embryonal-Haltung zusammenkrümmen möchte und einfach warten will, bis sich die Probleme von alleine lösen. Ich versuche genau diesen Impuls zu ignorieren, doch wissend, dass niemand anderes als ich selbst die Sache richten muss. Unter maximalem Würg-Reiz hole ich „Passilein“ aus dem ekligen Loch und säubere ihn mit dem zur Verfügung stehenden Toiletten-Papier so gut es geht. Ich weiß, es ist nicht seine Schuld gewesen, aber er ist seitdem nicht mehr derselbe für mich. Kurze Zeit später komme ich, immer noch leicht schwitzend, wieder in den Tagungsraum zurück. Während ich die Präsentation fortsetze, werfe ich, einem merkwürdigem Verständnis von Humor folgend, meinem schwedischen Kollegen meinen Pass zu, der ihn reflexartig auffängt und mich zu Recht verständnislos ob dieser Aktion anblickt. Während die Dolmetscherin die fachliche Materie ins chinesische übersetzt, erzähle ich ihm im gebrochenen Schwedisch die Geschichte meines Passes. Seine Augen weiten sich angewidert und er stößt meinen Pass mit einem absolut berechtigten „Din Gris!(entspricht: „Du Sau“)“, von sich, auf den Tisch. Daraufhin bemerkt ein chinesischer Teilnehmer verwundert, dass wohl niemand die deutsche Staatsbürgerschaft haben wolle.

Trotz dieser Vorgänge, welche eher subtiler Natur sind, läuft die Veranstaltung sehr gut. Der Spruch: „Sage mir, wie ein Projekt beginnt, und ich sage dir, wie es endet.“ hat durchaus seine Berechtigung. Und somit bin ich guter Dinge für die zukünftige Zusammenarbeit.

Nach der Veranstaltung schaue ich mir noch mein zukünftiges Büro an und gehe etwas spazieren. Irgendwo in der Nähe der Wangfujing-Strasse, einer von Pekings großen Konsum-Sektoren, sehe ich sie. Es sind Gestalten, welche an der Straße platziert wurden, damit sie ein paar Almosen von vorübergehenden Passanten erhalten. Kaum noch menschlich scheinen sie, so schlimm sind ihre Verbrennungen. Menschliches Fleisch brennt wie Zunder, wenn die richtige Temperatur erreicht wird. Das geht mit Benzin ohne Probleme. Dies ist die Methode der chinesischen Mafia. Wenn du Pech hast, überlebt du als formloses Stück Fleisch. Meine gute Stimmung ist wie weggeblasen und weicht einer diffusen, sich schwer zu entziehenden Angst.

Meine Arbeit füllt mich aus und sie ist anspruchsvoll genug, mich gut abzulenken. Wenn ich abends in mein Hotelzimmer zurückkehre, ist wartet auf mich die Einsamkeit. Es ist keiner mehr da, mit dem man reden kann. Es ist wirklich einsam. Naja, nicht ganz. Das Minzu Hotel hat eine lange Geschichte und einen rauen, irgendwie noch sozialistischen, Charme. Welche Ereignisse mögen sich in seinen Mauern wohl abgespielt haben? Ich bin in Zimmer 311 und jede Nacht um 02:30 Uhr werde ich durch ein merkwürdiges Geräusch geweckt. Dieses Geräusch ist so ungewöhnlich, dass es sofort meine Aufmerksamkeit beansprucht. Es beginnt jede Nacht an der unteren Ecke des Zimmers: ein Klopfen. Dann klopft es fast zeitgleich an der gegenüberliegenden Diagonale und scheint dann völlig chaotisch und sehr schnell die Wand an verschiedenen Stellen zu bearbeiten. Unwillkürlich muss ich an Poltergeister aus einschlägigen Horrorfilmen denken. Vielleicht der Geist eines Typen, der auf einer russischen Prostituierten einen Herzschlag erlitten hat und sich aus Scharm in einen Raum zwischen den Wänden zurückgezogen hat?

Eigentlich müsste ich mich beschweren und ein anderes Zimmer einfordern. Aber, so unglaublich es klingen mag, ich mag es, Zeuge dieses völlig irrationalen Vorganges zu sein. Wie oft erleben wir echte Magie in unseren kurzen Leben? Außerdem dauert die allnächtliche „Show“ nur wenige Minuten und danach setzt verlässlich die Nachtruhe wieder ein.

Ja, ich schätze solche seltenen Momente, in denen unsere rationale Sichtweise nicht zur Erklärung herangezogen werden kann. Die Thorajas auf Celebes/Indonesien haben einen intensiven Totenkult, der ein Zentrum ihres religiösen und gesellschaftlichen Lebens einnimmt. Ich war vor vielen Jahren auf einigen dieser Totenfeiern, weil ich ein Projekt in der Nähe hatte. Da ich mich durch das Projekt längere Zeit in der Region aufhielt und ich einen guten Draht zu einer Familie vor Ort hatte, wurde ich zu einer Zeremonie eingeladen, welche die Beerdigungsriten abschließt. Hier hatte ich nicht nur die Gelegenheit „Sirak“ zu probieren: von alten Frauen gekautes Zuckerohr, welche danach noch eine Weile vor sich hin gärt, sondern ich war gleichsam persönlicher Gast der betroffenen Familie. Bei dieser letzten Zeremonie, gleichsam der Höhepunkt des Beerdigungskultes, wird ein Hahn, symbolisch als Seele des Verstorbenen, freigelassen. Fliegt dieser Hahn davon, ist dies gut, denn das bedeutet, dass die Seele zufrieden die Welt der Lebenden verlässt. Der umgekehrte Fall ist nicht so gut: hier bleibt der Hahn und dies bedeutet folglich, dass die Seele im Dorf verbleibt und die Welt der Lebenden schädigt. In der von mir besuchten Zeremonie, machte der Hahn keinerlei Anstalten davonzufliegen. Die Leute im Dorf schrien auf und einige rissen sich Haare aus. Vielleicht lag es an dieser drastischen Reaktion, aber ich fühlte fast körperlich, wie etwas auf dem Platz zwischen den Hütten war. Mir stellten sich die Haare auf und ich schien zu frieren, obwohl es nicht kalt war. Dann flog der Hahn plötzlich auf und das Gefühl verschwand sofort. Die Anwesenden lachten erleichtert auf. Vielleicht sind solche Dinge dann real, wenn genügend Menschen ganz fest an sie glauben?

Die Nächte im Minzu Hotel kommen und gehen. Und schon bald nähert sich das Ende meines Einsatzes. Ich bin unruhig. Heute wurde mein Portemonnaie am helllichten Tag gestohlen. Es passierte in einem alten Stadtviertel (Hutong) in der Nähe der verbotenen Stadt. Ich ging mit Thomas spazieren. Zwei Typen kamen uns entgegen. Ein kleiner drahtiger und ein echter Fleischsack, was in China ein ungewöhnlicher Anblick ist. Sie schienen betrunken zu sein und wankten leicht. Als sie an uns vorübergingen, packte mich der Fettsack lachend, hob mich wie eine Feder hoch und schrie etwas wie „Amerikaner!“. Alles sah nach einer übermütigen Aktion aus. Es machte keinen bedrohlichen Eindruck, aber der Griff des Dicken war eisenhart. Der Kleine „beruhigte“ seinen kindlichen Freund, entschuldigte sich und sie setzten ihren Weg fort. Ich holte tief Luft, da sie mir vorher abgedrückt wurde und erkannte trotzdem, dass meine Geldbörse sich nicht mehr in meiner hinteren Hosentasche befand. Nun tat ich etwas Dämliches, indem ich den Beiden hinterherrannte. Und tatsächlich erreichte ich sie. Da hinten! Sie bogen in eine kleine Seitengasse ein. Ich hinterher. Der Kleine hat etwas in der Hand. Mein Portemonnaie. Er läuft wie ein geölter Blick. Mein Gott, ist er schnell. Der Dicke nicht. Er bleibt stehen, dreht sich grinsend zu mir um und wartet auf mich. Sofort bin ich bei ihm. Ich Idiot. Ich springe ihn an und platziere meinen Elenbogen auf seine platte Nase. Das Nasenbein bricht. Er blutet wie ein Schwein. Was mache ich hier? Der Typ knickt so einen Büro-Futzi wie mich wie ein Streichholz entzwei. Zudem ist er jetzt richtig sauer. Mein Geld ist sowieso weg. Widerwillig öffne ich mich gegenüber der Logik. Weg hier, solange ich noch kann! Ich drehe auf dem Absatz und laufe zurück Richtung Hauptstraße. Auf halben Wege kommt mir schnaufend Thomas entgegen; ich blicke zurück. Die Gasse ist leer.

Eben habe ich alle meine Karten gesperrt. Kein Problem. Wie jeden Abend habe ich die Tür mehrmals abgeschlossen. Ich taste unter meinem Kopfkissen und umfasse den Griff meines norwegischen Jagdmessers. Irgendwann schlafe ich unruhig ein.

Um 02:30 Uhr beginnt das kurze nächtliche Spektakel. Habe mich schon daran gewöhnt und nehme es meistens gar nicht mehr wahr. Aber diesmal werde ich davon wach, vielleicht wegen dem heute Erlebten, aber nein, die Geräusche hören sich anderes an. Sie sind direkt über meinen Kopf. Es klopft eine Handbreit über meinem Kopf! Wahnsinnig laut, wahnsinnig schnell. Ich öffne die Augen. Vor meinem Bett steht eine Gestalt. Dunkel, nur schemenhaft zu erkennen. Die Gestalt hebt etwas empor … . Plötzlich riecht alles nach Benzin. Weg! Ich schnappe mir mein Messer und springe aus dem Bett. In einem Sekundenbruchteil habe ich die lange Klinge aus dem ledernden Futteral gezerrt, während etwas scheppernd auf dem Boden fällt. Ich brülle etwas und stürme auf die Gestalt zu. Es ist nur ein winziger Augenblick, dann entscheidet sie sich zur Flucht, dreht sich mit einer wahnwitzigen Geschwindigkeit um und rennt den dunklen Flur des Hotels hinab. Die Lichtschranken schalten die Deckenbeleuchtung ein und ich erkenne den kleinen Dieb, welcher heute meine Geldbörse gestohlen hatte. Meine Geldbörse, in der man auch den Zimmerschlüssel des Hotels finden konnte.

Die letzten Tage verbringe ich in ständiger Angst. Häufig wechsle ich meine Unterkunft. Versuche nicht aufzufallen. Endlich kann ich zurück. Meine Frau holt mich vom Flughafen ab. Endlich zu Hause - erleichtert winke ich ihr zu. Aber sie lächelt nicht. „Wir müssen reden.“ sagt sie nur. Und auf meinem fragenden Blick, ergänzt sie „Ich habe jemanden kennengelernt.“.

Was tust du?

7.A. Du lässt dich scheiden.

7.B. Du kämpfst um die Ehe.

6.B. Ich wende mich ab und versuche so schnell wie möglich den Flughafen zu erreichen.

Ich kann mir vorstellen, was hinter dieser Tür liegt. Jede Menge Ärger. Und in einem Land wie diesem in so eine Sache hineingezogen zu werden, kann ganz schnell, ganz gefährlich werden. Ich bin froh, dass ich die Türklinke nicht berührt habe und meine Fingerabdrücke folglich nicht darauf hinterlassen habe. Auf das Frühstück verzichtend, gehe ich so ruhig, wie es mir möglich ist, zur Rezeption. Lege mit einem selbstsicheren Lächeln meine Zimmerschlüssel auf dem Tresen und bestelle mit fester Stimme ein Taxi zum Flughafen. Die mir endlos erscheinende Wartezeit bis das Taxi kommt, verbringe ich mit sinnlosem Smalltalk und bin froh, das der Mann an der Rezeption mich nicht auf meinen Kollegen anspricht.

Endlich. Das Taxi ist gekommen. Mein Koffer wird in den Kofferraum platziert. Das Handgepäck behalte ich bei mir. Ticket und Dokumente müssen unter allen Umständen bei mir sein. In Gedanken gehe ich wieder und wieder alles durch. Habe ich an alles gedacht? Habe ich alles mitgenommen? Wenn ich etwas Wichtiges im Hotelzimmer vergessen habe, dann werde ich hier festhängen. Das Taxi erreicht den Flughafen. Meine Gedanken rasen in meinem Schädel und erzeugen einen unangenehmen Druck auf die Schläfen. Jetzt nur keinen Fehler machen. Bloß nicht die Nerven verlieren. Nun halte ich meine Boarding-Karte in den Händen. Jetzt wird es ernst. Die Passkontrollen. Da vorne. Welcher Typ sieht am Harmlosesten aus? Der dort vorne macht einen etwas debilen Eindruck auf mich. Ich steuere den entsprechenden Glaskasten an. Grüße ihn freundlich auf Russisch. Innerlich ist jedes Molekül in meinem Körper angespannt. Er schaut mich lange schweigend an, als ob er überlegt, mich für immer in seinem Land zu behalten. Ich versuche seinen Blick so gelassen wie möglich zu erwidern. Nun schaut er auf den Bildschirm vor sich. Vielleicht kommt gerade eine makabre Information rein? Ich schließe ergeben meine Augen. Oh, bitte … .

Dann höre ich das Knallen eines Stempels in meinem Pass. Fast möchte ich vor Erleichterung laut aufschreien. Ich unterdrücke den Impuls, stattdessen nehme ich mit leicht zitternden Händen mein Reisedokument entgegen und begebe ich mit eiligen Schritten zum angegebenen Gate. Die Rollen meines Handgepäcks rattern hinter mir und ich verspüre den Impuls, dass Geklapper mit irgendetwas zu dämpfen. Dann nehme ich das Gepäckstück in die Hand und verbringe die letzten Minuten wartend vor dem Einstieg in die Maschine. Erst als das verdammte Flugzeug startet, habe ich das Gefühl, wieder frei atmen zu können. Geschafft! Oh Gott, ich habe es geschafft!

Als ich wenige Tage später die Nachricht erhalte, dass Dr. Manz in Bischkek verstorben sei, steht für mich bereits fest, dass ich aus der Entwicklungshilfe aussteigen werde.

ENDE

Illustration von Dr. Beuck
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