Der Helfer · Kapitel 7
Das siebte Leben: Der Fall
7.A. Du lässt dich scheiden.
Nach meiner Ankunft am Frankfurter Flughafen und der Beichte meiner Frau bzw. zukünftigen Ex-Frau, verlaufen meine Tage wie in Watte verpackt. Wie in Trance durchlebe einen Alltag, der für mich lediglich eine Farce geworden ist, mich bloß an den absolut notwendigen Tätigkeiten entlang hangelnd. Meine Frau hatte bereits vor Monaten einen jungen Studenten an der Uni kennengelernt. Und während ich in China meinen Kopf riskierte, hat sich zwischen ihm und ihr eine Beziehung entwickelt. Vielleicht ist es die Dauer des Betruges, die vielen Monate der Lüge, vielleicht ein Gefühl von Ungerechtigkeit, ein „das habe ich nach all der Angst nicht verdient“, aber ich habe jedenfalls keinerlei Verlangen, unter diesen Bedingungen um meine Ehe zu kämpfen.
Bei einer Scheidung in Deutschland spielt es schon lange keine Rolle mehr, wer „Schuld“ am Scheitern der Ehe trägt. Es geht lediglich um die Aufteilung des in der Ehezeit zusammengetragenen Besitzstandes. Wer, welchen Teil des Kuchens bekommt, sozusagen. In diesem Zusammenhang besuche ich einen schmierigen Anwalt, welcher sich auf die Betreuung von Ehemännern in Scheidungsprozessen spezialisiert hat. Er empfiehlt mir, freiwillig in die Arbeitslosigkeit zu gehen, denn „einen nackten Mann kann man nicht in die Taschen greifen“. Diesem Rat folge ich nicht. Vielleicht, weil ich es als eine Art Kapitulation sehe, vielleicht, weil ich mein Leben nicht komplett der Scheidung unterordnen möchte. So stelle ich mich der schmerzhaften Aufteilung von Hab und Gut. Hin und her geht es: das Haus, das Auto, die Einrichtung. Oft überkommt mich der Eindruck, dass ich mich in einem schlechten Hollywood-Film befinde. Schließlich nehme ich nur meine Reiseandenken mit: Masken, Teppiche, Bilder. Am Ende ist meine Frau ausbezahlt. Die Steuern nachgezahlt. Die Anwälte und Gerichte bezahlt. Aus meinem einjährigen Einsatz in China verbleiben mir 63 €. Habe ich genau nachgerechnet! Mein Lohn der Angst sozusagen. Ich entschließe mich, diese symbolträchtigen 63 € in irgendeiner schmierigen Apfelwein-Kneipe in der Frankfurter Innenstadt auf den Kopf zu hauen. Kurz bevor ich aufbreche, rufe ich meine E-Mails ab. Es gibt einen neuen Job! Ich sage sofort zu, alleine schon der Ablenkung wegen. Als ich die Wohnungstür hinter mir schließe, denke ich an Indonesien. Ein wildes Land. Land der tausend Inseln. Ein spannendes Land.
Nach zwei Wochen ist mein Einsatz in Yogjakarta beendet. Meine Aufgabe war es gewesen, die Prozesse der Kreditabteilung in einer der größeren Banken des Landes zu optimieren. Ich habe mit dem Ort des Einsatzes Glück gehabt. Obwohl sich die Insel Java immer mehr zu einem einzigen, riesigen Vorort der Hauptstadt Jakarta verwandelt, hat mein Standort Yogjakarta sehr viel zu bieten. Die Stadt liegt im Osten der Insel, unter einem seit Jahrzehnten aktiven Vulkan, dem Merapi. Es gibt noch alte Strukturen in der Stadt, wie den alten Palast des Sultans, aber auch dem größten buddhistischen Heiligtum der Welt Borobudur und die hinduistische Tempelanlage Prambanan.
Nun stehe ich hier am Flughafen. Meinen Bericht habe ich gestern bereits fertiggestellt. Vielleicht, weil ich meine sich nun abzeichnende Entscheidung irgendwie geahnt habe. Was erwartet mich in Deutschland? Die Erkenntnis, dass die Frau, mit der ich dreizehn Jahre zusammen gelebt habe, für mich nicht weniger als eine Fremde ist? Mal wieder Geldprobleme, da ich bei weniger Netto-Einnahmen, nun mehr Ausgaben habe? Somit bleibe ich für unbestimmte Zeit in Indonesien. Ich möchte nach Banjarmasin, gelegen auf dem indonesischen Teil der Insel Borneo.
Ich sichte mein Gepäck. Business-Klamotten brauche ich nicht mehr. Nur das Notwendige mitnehmen. Der Rest wird am Flughafen eingelagert. Mit einem kleinen Rucksack verlasse ich den Flughafen. Viel habe ich nicht bei mir. Viel braucht man auch nicht für ein Abenteuer.
Eigentlich hätte sie dort liegen müssen: die Fähre nach Banjarmasin. Allerdings ist sie nirgends zu sehen. Ich hänge hier also erst einmal fest. Zeit habe ich ja genug. Ein merkwürdiges Gefühl, wenn man jahrzehntelang den Drang hatte, jede freie Minute effektiv nutzen zu müssen. Ich gehe spazieren und kaufe bei einem dicken Chinesen eine Flasche minderwertigen Wodka. Der Verkäufer ist der festen Überzeugung, dass in meiner Zielregion immer noch Menschen gefressen werden.
Mein Tagesablauf passt sich der Situation an. Jeden Morgen gehe ich zur Hafen-Kommandantur, um jeden Tag einen neuen Termin für die Ankunft der Fähre zu erhalten. Nachmittags hänge ich mit Becak-Fahrern ab, armen Teufeln, welche durch die harte Arbeit, Lasten und Personen mit ihren Fahrrädern zu transportieren, riesige, aufgeblähte Herzen in ihrer Brust bekommen. Mit einem Alter von etwa dreißig Jahren, werden die Organe zu groß für die schmächtigen Körper und kollabieren schließlich. Sie unterrichten mich in Bahasa Indonesia, der lokalen Sprache, welche, zu mindestens in ihren Grundzügen, zu den am einfachsten zu erlernenden Sprachen der Welt gehört.
Abends übe ich mit einigen Kids in den Straßen Silat: einen Kampfstil, der von einer buddhistischen Sekte aus Sumatra entwickelt wurde. Diese lehrte, dass der lästige Zyklus der Wiedergeburten nur durch das Ausleben des absolut Bösen, als Negation des Lebens, durchbrochen werden könne. Bei uns in Deutschland hat es Silat als Kampfsport nie zu großer Popularität gebracht, da es sich ausschließlich auf die Tötung des Gegners fokussiert.
Nachts beobachte ich die Ameisenstraße, welche über meinem Bett von einer Seite zur anderen führt. Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, kommt meine Fähre: eine armselige, verrostete Nussschale. Wir sind vielleicht an die hundert Personen, welche in den Frachtraum der hinfälligen Konstruktion gepfercht werden. Das Abenteuer beginnt.
Nach nur wenigen Stunden an Bord raunen mir Mitreisende verschwörerisch zu, dass es ein paar Typen auf mein Gepäck abgesehen haben. Also bleibe ich die zwei Tage der Überfahrt an meinem Platz. Aber worüber man mich nicht unterrichtet, ist die Angewohnheit der Indonesier, bei starkem Seegang nicht zum Kotzen nach draußen zu gehen, sondern das Geschäft an Ort und Stelle zu verrichten. Es ist stürmische See und ich muss meinen gesamten Vorrat an Toilettenpapier opfern, um mich gegen die unzähligen braunen Rinnsale, die auf mich von allen Himmelsrichtungen her zulaufen, durch improvisierte Papierdeiche zu schützen. Endlich erreichen wir Bajarmasin.
In Banjarmasin bleibe ich einige Tage. Ich miete mich in einem, wir würden sagen „rustikalen“, Zimmer direkt am Fluss ein. Morgens sehe ich, wie die Menschen dort ihre Toilette verrichten, das Wasser für den Tee entnehmen, Waschen, Zähneputzen. Zeit beginnt wieder ein dehnbarer Begriff zu werden. Kein beschränkter, knapper Zustand. Die entschleunigte Geschwindigkeit um mich herum überträgt sich auf mich und so dauern meine Vorbereitungen auf die bevorstehende Reise länger, als ich normalerweise für diese Dinge benötige. Am wichtigsten ist es, einen Kompass zu besorgen, Kartenmaterial gibt es keines, ferner besorge ich Erdnussbutter und Weißbrot, etwas Wasser. Lange wird es nicht reichen. Dann besteige ich das nächste Sammeltaxi, welches die unwägbare Straße ins Inselinnere nimmt.
Das Taxi füllt sich in kurzer Zeit. Mein Sitznachbar auf dieser langen Fahrt, scheint Opfer einer ekelhaften, mir unbekannten Erkrankung zu sein. Sein Gesicht ist an einigen Stellen aufgedunsen, Pusteln haben sich auf Wangen und Nase gebildet; Teile seines mir zugewandten Ohres sind nicht mehr vorhanden. Schon nach kurzer Zeit nickt mein Nachbar ein. Langsam, ganz langsam, kommt er im Schlaf zu mir herüber, bis er sich schließlich an meiner rechten Schulter anlehnt und dort friedlich weiter schlummert. Da er schläft und die Fahrt eintönig ist, schaue ich noch einmal genauer hin. Einige der Pusteln sondern eine farblose Flüssigkeit ab, welche das Tageslicht matt glänzend reflektieren. Früher hätte mich so eine Situation fertig gemacht. Ich horche in mich hinein. Nichts. Völliges Fehlen von Emotionen! Keine Angst vor Ansteckung! Kaum Ekel! Daraus schließe ich, dass es mir psychisch schlechter geht, als ich es wahrhaben will. Nach kurzer Zeit lerne ich weitere Mitreisende kennen. Die Reise vergeht nun schneller, da ich gefühlte 100.000 Fragen über mich und mein Leben in Deutschland, und vieles mehr, beantworten muss. Die Neugier dieser Menschen scheint keine Grenzen zu kennen. Vielleicht sind die ganzen Fragen aber auch nur eine sehr höfliche Geste, einem Fremden wie mir gegenüber.
Als wir die Endstation erreichen ist, geht es für mich zu Fuß weiter. Meine Mitreisenden warnen mich allerdings davor, alleine weiter ins Landesinnere vorzudringen. Dort gibt es immer noch Stämme, welche der Kopfjagd nachgehen. Aber insbesondere ein „einfacher“ gebrochener Fuß im tiefsten Dschungel kann bereits zu einer lebensbedrohlichen Situation mutieren. Ich danke für die wohlgemeinten Worte, aber bestehe auf meinen Plan. Meine Reisegefährten spüren, dass mir die anstehenden Bedrohungen offensichtlich egal sind und wir verabschieden uns voneinander wie alte Freunde.
Mit einem kleinen Pfad ins Dickicht beginnt mein Weg ins Ungewisse. Noch einmal blicke ich auf die kleine Ansiedlung zurück, welche den letzten, schäbigen Außenposten der Zivilisation darstellt. Ein paar ärmliche Hütten mit obligatorischen Wellblech-Dächern, ein kleiner Laden, welcher mehr schlecht als recht mit dem Nötigsten ausgestattet ist: Wasser, Plastikschüsseln, Feuerzeuge, Lebensmittel. Hier stocke ich meine Vorräte auf. Viel habe ich ohnehin nicht dabei, da ich mit leichtem Gepäck reisen möchte. Lediglich ein Kartenspiel habe ich mir zur Zerstreuung zugelegt.
Der Weg, welcher sich im Schatten des Dickichts verliert, ist für mich mehr als nur ein Trampelpfad. Für mich ist er der Ausstieg aus dieser Welt, in der ich erfasst bin. Wenn ich nun diesen Pfad betrete, wird es niemanden mehr geben, der weiß, wo ich mich befinde. Für mich ist dies eine Art von Freiheit. Nur noch ein Schritt, dann bin ich ein freier Mann. Weder Anwälte, Finanzamt-Angestellte, Banker, noch meine Ex-Frau, werden mich jemals finden. Unmöglich. Mit diesem Gedanken trete ich, ohne ein weiteres Mal zurückzublicken, in die dunklen Schatten.
Mein Weg durch den Urwald verläuft anders, als ich es mir vorgestellt habe. Meine Mitreisenden hatten Recht: die Hauptgefahr liegt darin, auf den feuchten Boden oder bei der Querung eines Flusslaufes ganz unspektakulär auszurutschen und sich dabei den Knöchel zu verstauchen oder gar zu brechen. Hier im Nirgendwo wäre dies dann schon eine wirklich gefährliche Situation. Bis jetzt habe ich Glück gehabt. Lediglich die Blutegel sind eine Plage. Jedes Gewächs, welches ich durchquere, scheint von diesen Quälgeistern dicht bevölkert zu sein. Wenn diese sich erst einmal festgesetzt haben, sind sie schwierig zu entfernen. Mückenschutzmittel, Alkohol oder Feuer überzeugen die Parasiten davon abzulassen. Leider spritzen sie als Abschiedsgeschenk eine Substanz in die Wunde, welche die Blutgerinnung für eine kurze Zeit verhindert. Bei ein paar dieser Wunden ist dies nicht weiter schlimm. Aber ich bilde mir ein, dass sich bei mir, nachdem ich etwa den zwanzigsten dieser schwarzen, wurmähnlichen Parasiten mit einem Feuerzeug entfernt habe, Symptome von Blutarmut im Kopf einstellen. Egal, brauche auch keine Goethe-Gedichte zu rezitieren. Gegen Abend erreiche ich zum Glück ein bewohntes Langhaus. Ein relativ großes Gebäude, indem noch alle Mitglieder des Clans unter einem Dach leben. Meine dürftigen Sprachkenntnisse reichen aus, mir eine Nische für eine Übernachtung zu beschaffen. Als Gegenleistung zeige ich Kartentricks, die mich als Kind sehr fasziniert hatten und von denen ich zum Glück noch ein paar auf Lager habe.
Vielleicht liegt es daran, dass ich mich wegen der fehlenden Praxis auf die Tricks mehr konzentrieren muss als früher. Jedenfalls habe ich Pech. Als mich einige meiner Zuschauer nach meinen vollen Namen fragten, sage ich diesen wahrheitsgemäß in voller Länge: „Meridius Knut Hafskjold“.
„OOOOHHHHH Cemut, Cemut, Cemut, …“ murmeln plötzlich alle beschwörend. Irritiert blicke ich in die Runde. Es dauert lange, bis ich den Grund für den Tumult erfahre. „Cemut“, was ein bisschen wie „Knut“ klingt, bedeutet in der Sprache meiner Gastgeber „langer Penis“. Alle palavern auf mich ein: ob Europäer nicht nur dicke, rote Nasen hätten, sondern auch … . Ich stellte mich schlafend und nach etwa dreieinhalb Stunden lassen sie endlich ab von mir. Nur mitten in der Nacht weckt mich eine Dame, die vermutlich Kinder mit blonden Haaren und Cemut haben will. Ihr Mann blickt vom anderen Ende des Raumes grimmig zu mir herüber und schleift dabei seine Machete.
Am nächsten Morgen breche ich früh auf, als der Nebel sich noch zwischen den Bäumen verfängt. Weiter möchte ich vorankommen, denn mein Ziel habe ich noch nicht erreicht: Urwald, der noch nie von Menschen gerodet wurde. Unzählige Male verfluche ich, mal leise, mal laut, den rutschigen Untergrund unter mir. Da die Baumkronen über mir so dicht sind, verhindert das lückenlose Blätterdach, dass die Sonnenstrahlen den Boden erreichen. Die Folge: der Boden ist mit einer moosigen, rutschigen Schicht bedeckt. Dazu kommt noch abschüssiges Gelände hinzu. So sind schwere Stürze vorprogrammiert, wenn man nicht höllisch aufpasst und eine Menge Glück hat. Bis jetzt habe ich diese gefährlichen Rutschpartien noch immer ohne nennenswerte Verletzung überstanden, aber dies kann sich schnell ändern.
Konzentriert marschiere ich weiter bis in die frühen Abendstunden. Zum Glück erreiche ich vor Einbruch der Dunkelheit eine kleine Hütte. Und deren Bewohner sind sogar einverstanden, dass ich bei ihnen übernachte. Es scheinen zwei oder drei Familien zu sein, welche hier leben. Die Männer tragen alle Hütte, zerschlissene Hemden oder T-Shirts, dazu kurze Hosen. Die Frauen sind in uralte Sommerkleider gekleidet. Ich sehe mich um. An den Wänden der Hütte hängen überall christliche Heiligenbilder. „Ihr seid ganz schön gläubig hier!“ entfährt es mir sinnloser weise. Es braucht ein paar Anläufe, bis ich es sprachlich umgesetzt habe. Meine Gastgeber sehen sich verdutzt an, brechen dann in frenetisches Gelächter aus. Die Situation beginnt eigenartig zu werden. Vergnügt führen mich zwei Männer zu einem kleinen Schuppen hinter ihrer Hütte. Sie öffnen die Tür zu dem Verschlag und deuten mir, hineinzugehen. Ein eigenartiger, süßlicher Geruch schlägt mir entgegen. Es dauert einen kurzen Moment, bis sich meine Augen an das Halbdunkel des kleinen Raumes gewohnt haben. In der rechten Ecke des kleinen Raumes, steht eine Art hölzerner Altar. Auf diesem sind fünf unförmige Gegenstände drapiert. Sind es etwas … ? Ich muss mich zwingen, genauer hinzusehen: es sind menschliche Schädel, im fortgeschrittenen Verwesungsprozess begriffen.
Gleich wird die makabre Sammlung noch um ein weiteres Exponat ergänzt und dieses befindet in just diesem Moment noch zwischen meinen Schultern. Ich wirble herum. Meine beiden Begleiter haben plötzlich zwei schwertähnliche Messer in ihren Händen und einer von ihnen hat einen weiteren Gegenstand in der Faust, der mich ein bisschen an einen Korkenzieher erinnert. Sie grinsen freundlich von einem Ohr zum Anderen. Mein Herz scheint für einen Moment stillzustehen. Geschieht mir recht; habe die Situation auch herausgefordert! Mein Messer habe ich natürlich in der Hütte gelassen. Das war´s dann wohl. Aber anstatt mich zu meucheln, referieren meine Gastgeber über die Kopfjagd. Alles verstehe ich nicht, nur soviel: die Köpfe gehören größtenteils japanischen Soldaten, welche die beiden im Dschungel überfallen haben. Ihre Messer sind ihnen sehr wichtig und haben eine Verzierung aus Menschenhaar, während der Griff aus dem Knochen besteht, welcher beim Menschen das Bein mir dem Becken verbindet. Ob ich es mir einmal genauer ansehen wolle? Übrigens ist einer der Beiden gerne bereit, sein Schwert gegen mein Jagdmesser zu tauschen. Der „Korkenzieher“ dient dazu, in den erbeuteten, abgetrennten Kopf ein Loch zu bohren, damit dass sich mit der Zeit verflüssigende Gehirn, auch gut ablaufen kann. Ich solle doch bitte einmal einen Blick auf diesen Schädel werfen, da könne man den Eingriff sehr gut erkennen. Ich lächle gequält und verzichte auf weitere Details.
Auf nackten Boden liegend, schlafe ich in dieser Nacht sehr unruhig. Irgendwann werde ich von etwas geweckt. Ist es eine schlabbernde Schnauze? Mit einem spitzen Schrei schnelle ich hoch. Es scheint, dass ein merkwürdiges Vieh aus dem Urwald mich wachgeschleckt hat, es quickt ähnlich wie ich und verschwindet zurück in den Busch. Ich sehe nur ein braun-behaartes Hinterteil im Dickicht verschwinden. Plötzlich ist die ganze Hütte auf den Beinen und läuft alle möglichen Waffen schwingend, hinter dem Vieh her. Mit der Situation völlig überfordert, erfasse ich diese erst, als ich völlig alleine in der Hütte verbleibe. Die Schreie der Bewohner verlieren sich schnell im allgegenwärtigen Grün des Urwalds. Dann: Stille. Ich warte. Aber die Bewohner kehren nicht zurück. Als der Morgen anbricht, mache ich mich weiter auf den Weg.
Nach drei weiteren Tagen habe ich mein Ziel erreicht. Dies erkenne ich daran, dass das Langhaus vor dem ich stehe, kein Wellblechdach hat. Auch sind weder Metall-, noch Plastik-Gerätschaften zu erkennen. Anders als all die anderen Gebäude, welche ich bisher auf meinem Weg gesehen habe, ist diese Konstruktion auf hölzernen Pfählen errichtet und befindet sich etwa fünf Meter über den Erdboden. Die Bewohner sind scheuer als der vorigen Langhäuser, ansonsten aber wie diese gekleidet. Es dauert lange, bis sie zustimmen, dass ich mich bei ihnen aufhalten darf. So beginnt meine Zeit bei den Dayak.
Bei den Dajak leben die Schweine unter ihren Hütten, und man kann Abfall durch Gitter in der hölzernen Holzfussboden-Konstruktion nach unten befördern, wo die Abfälle von den Schweinen sofort verzehrt werden. Am Anfang vertreibe ich mir mit dieser Beobachtung die Zeit. Mit wachsener Abneigung erkenne ich, dass sich die Schweine nicht nur vom täglich anfallenden Abfall, sondern sich weiterhin von den Fäkalien der über ihnen lebenden Menschen ernähren. Somit bildet sich die übersichtlichste Nahrungskette heraus, die ich kenne: Mensch isst Schwein, scheidet Schwein wieder aus, Schwein frisst ausgeschiedenes Schwein und wird vom Mensch verspeist, wobei der Zyklus dann wieder, mit anderen Schweinen natürlich, von vorne beginnt.
Nun verliere ich vollständig das Gefühl für Zeit. Wahrscheinlich, weil sich die Tage so gleichen. Abends führe ich immer meine Kartentricks vor und ich wundere mich, dass meine Zuschauer nicht müde werden, sich diese wieder und wieder anzusehen. Nach einiger Zeit zeigen mir meine Gastgeber ihre Blasrohre und führen mich in die Kunst ein, diese Waffen zu handhaben. Es dauert lange, bis ich Pfeile aus der Distanz auf kleine Ziele, wie etwa Vögel, sicher verschießen kann. Bald nehme ich an der Jagd teil und ich erkenne, dass ich langsam zu einem sinnvollen Teil dieser kleinen Gemeinschaft werde. Ich erkenne, dass ich hier leben könnte. Eine Entscheidung steht an.
Was soll ich tun?
8.A. Ich bleibe bei den Dayak.
8.B. Ich verlasse die Dayak und kehre zurück in die sogenannte Zivilisation.
7.B. Du kämpfst um die Ehe.
An die Universitätsbibliothek in Frankfurt kommt jeden Tag eine abgerissene Gestalt heran geschlurft und setzt sich auf einen Stapel alter, zusammengefalteter Pappkartons. Sie sitzt dort und faselt wirres Zeug über fremde Länder, Triaden, Tod und Schafe. Die Vorübergehenden beschleunigen ihre Schritte, wenn sie an der Gestalt auf ihren Papp-Thron vorübergehen müssen. Und wenn Sie eine Wahl haben, nehmen die Besucher der Bibliothek lieber einen Umweg in Kauf und wählen einen anderen Eingang in das Gebäude. Die Gestalt am Eingang. Das bin ich, bzw. das, was von mir übrig geblieben ist. Schon komisch, was ich alles überstanden habe, nur um letztendlich von einer Frau, bzw. meiner Ex-Frau vernichtet zu werden. Hört sich „vernichtet“ zu hart an? Nein, die Wortwahl ist schon korrekt: ich habe alles verloren, sogar meinen Stolz.
Man sagt, ein Glas mit einem Sprung kann nicht mehr klingen. Dies entspricht meiner Ansicht nach der Wahrheit. Seit diesem Tag am Flughafen habe ich gekämpft. Meiner Ehe eine zweite Chance geben. Von vorne wollte ich anfangen. Warum eigentlich? Vielleicht wollte ich nur nicht, dass all die Mühen, all die Kämpfe, all die Jahre, all die Risiken, umsonst waren. Vielleicht habe ich auch den Fehler gemacht, meine eigenen Gefühle zu unterschätzen. Denn ein Gefühl kann man nicht täuschen. Es war seit diesem Tage immer bei mir, egal wie sehr ich versuchte, es zu ignorieren. Dies Gefühl … es war ein Gefühl der Leere. Das Gefühl, welches ich am meisten von allen Gefühlen fürchte.
Es ist besser, rechtzeitig zu erkennen, wann eine Beziehung unwiederbringlich zu Ende ist. Aber diesen Zeitpunkt habe ich verpasst. Ich habe versucht weiterzumachen … und bin einen faulen Kompromiss eingegangen. Und es sollten noch viele faule Kompromisse folgen. All meine Energie richtete ich auf dieses Ziel, aber die Entscheidung war schon lange gefallen. Und nicht zu meinen Gunsten. Meine Energie wurde weniger in dem Maße, wie das Gefühl der Leere in mir anwuchs. Und mich endlich völlig ausfüllte.
Vollstes Verständnis und Mitgefühl habe ich für die, die fallen. Und ich … ich bin einer von Ihnen.
ENDE
