Der Helfer · Kapitel 8
Das achte Leben: Die Ehre des Söldners
8. A. Ich bleibe bei den Dayak.
Bin ich desillusioniert? Habe ich mehr an die Ehe geglaubt, als ich es mir selbst eingestanden habe? Oder fasziniert mich nur dieses einfache Leben? Ein Leben ohne Anwälte und Rechnungen? Oder habe ich nur etwas wiedergefunden, welches ich vor sehr langer Zeit verloren glaubte: meine Möglichkeit zu wählen? Auf jeden Fall vergehen die Tage immer schneller, bis die Erinnerungen an das Leben in Deutschland nun mehr grau, undeutlich und weit entfernt in meinem Gehirn erscheinen. Dafür kommt ein neues, ungewohntes Gefühl: das Gefühl angekommen zu sein. Vielleicht das erste Mal überhaupt. Ja, ich wähle dieses Leben.
Die letzte Gewohnheit, an die ich mich bis zum Schluss geklammert habe, ist der Gebrauch von Toilettenpapier bzw. irgendwelchen Substituten, welche der Urwald in kaum vorhandener Menge anbietet. Mit der Festlegung der linken, reinigenden Hand als „unrein“, habe ich die letzte psychologische Barriere überwunden, welche mich noch an mein altes Leben gebunden hat.
So vergehen die Tage. Meine für die Dayak fremdartige Physionomie meines Gesichtes, der für sie untypische Körperbau und –Größe prädestiniert mich offensichtlich für eine besondere Position in dieser kleinen Gesellschaft. So werde ich Dokun. Ein Dokun ist in seiner Bedeutung irgendwo zwischen Heiler und Schamane angesiedelt. Es wird ein langer, für mich sehr schwieriger Prozess, die nötigen Kenntnisse von meinen Vorgängern zu erwerben. Aber meine Lehrer zeichnen sich durch eine scheinbar unerschöpfliche Geduld aus. Und irgendwann begegne ich dieser Geduld mit dem unbeugsamen Willen, mich dieser Ehre auch würdig zu erweisen.
Nach vielen Monaten beginne ich langsam den ungeheuren Reichtum an Wissen zu erahnen, welches mir, einem Fremden, im absolut naiven Glauben, angeboten wird. So lerne ich den Wald als lebenden, beseelten Organismus zu erkennen; ich lerne dass es andere Welten gibt, als diejenigen, welche man mit den Augen sehen kann; ich erkenne die Bedeutung von Wirkstoffen aus Pflanze und Tier zur Heilung oder zum Verderben zu nutzen. Beispielsweise wird mir erklärt, dass eine bestimmte Orchideen-Art von meinen Mentoren als natürliche Pille verordnet wird. In ihr gibt es einen Wirkstoff, welcher eine Frau, je nach Dosierung, für eine bestimmte Zeit unfruchtbar macht. Eine effiziente Empfängnisverhütung ist für diese Völker, welche sich in einem engen Abhängigkeitsverhältnis zur Natur befinden, unglaublich wichtig. Da die Ressourcen des Waldes für die Sicherung der Lebensgrundlage beschränkt sind, darf die Bevölkerung nicht stark ansteigen.
Man stelle sich vor: eine natürliche Form der Pille, auf pflanzlicher Basis, ohne Nebenwirkungen und bereits seit Jahrhunderten, wenn nicht sogar seit Jahrtausenden, von Menschen getestet bzw. verwendet! Ein Riesen-Geschäft für jedes Unternehmen, welches etwas mit Pharmazie zu tun hat.
Eines Tages kommt es, wie es kommen muss, ein solcher Agent besucht unsere kleine Ansiedlung. Er vertritt ein französisches oder ein belgisches Unternehmen. Er sagt, dass er es bevorzugen würde, wenn seine Auftraggeber ungenannt bleiben. Kein gutes Zeichen. Der Mann ist erst erstaunt einen Weißen unter diesen Menschen vorzufinden, dann überrascht, das ich der Dokun und somit der Ansprechpartner für ihn bin, und schließlich ist er extrem verärgert, da ich keine Anstalten machte, ihm das Wissen dieser Gemeinschaft unverbindlich preiszugeben. Ich spreche von „Ausbeutung“ und „Rechten“, während sich seine Wut immer weiter steigert. So bleibe ich stur, ignoriere die Drohungen, bis er wutentbrannt unser Lager verlässt. Es dauert nur wenige Tage, bis er wiederkommt. Und diesmal kommt er nicht allein. Acht schwer bewaffnete Männer folgen ihm diesmal, und als sie auf uns das Feuer eröffnen, da fällt mir wieder ein, dass ich weit weg von der Zivilisation bin und niemand auf der Welt ein paar primitive Hütten in einem der letzten weißen Flecken auf der Landkarte vermissen wird. Als sie ihre tödliche Arbeit verrichtet haben, erkenne ich, dass es kein Zufall ist, dass ich noch lebe. Ich blute wie ein Schwein aus einer hässlichen Wunde in meinem Unterlaib. Sie kommen grinsend auf mich zu, packen mich brutal und zerren mich vor dem Verantwortlichen dieses feigen Massakers. Offensichtlich glauben sie tatsächlich, mir das Geheimnis unter Zufügung körperlichen Schmerzen entlocken zu können. Aber sie haben sich geirrt. Und so nehme ich, der letzte Dokun, das Wissen meines sterbenden Volkes mit mir.
ENDE
8.B. Ich verlasse die Dayak.
Der Tag des Abschieds ist gekommen. Ich gehe, weil ich erkannt habe, dass ich überall auf der Welt leben kann. Ich bin frei. Es gibt eine Milliarde von Möglichkeiten für mich mein Leben zu gestalten. Diese Erkenntnis nehme ich mit aus dem Nichts. Ich werde zurückkehren und ich bin stärker als jemals zuvor.
Mein Weg zurück soll schnell gehen. Mein Gastgeschenk, ein norwegisches Brusletto-Jagdmesser, hat meinen Gastgebern so gut gefallen, dass wir ein primitives Floß aus riesigen Bambusstangen zusammenzimmern. Ehe ich es mir versehe, befinde ich mich auf dem wackeligen Gefährt, flussabwärts rasend, der Zivilisation entgegen. Obwohl ich mir oft nicht mehr sicher bin, ob sich die Konstruktion noch unter mir befindet, da ich bis zu den Hüften von wirbelnden Strudeln umtost werde, erreiche ich nach zwei Tagen die Großstadt Banjarmasin.
Kurz überlege ich, den nächsten Flieger nach Frankfurt zu nehmen. Aber ich entscheide mich doch dagegen. Gerne würde ich noch einen Ort besuchen, von dem ich so viel gehört habe und der mich als Kind schon fasziniert hatte. Genauer gesagt, ist der Ort eine Insel. Komodo. Dracheninsel.
Einige Zeit später befinde ich mich auf einer dieser rostigen Fähren, welche die kleinen Sundainseln miteinander verbinden. Und ich bin nicht allein. Vor mir kauert ein strubbliges, braunes Zicklein, welches ich auf der vorgelagerten Insel Sumbawa gekauft habe und auf den Namen „Puschel II“ getauft habe. Habe ziemliche moralische Bedenken: der Zweck der Ziege ist es, die Drachen anzulocken. Aber meine Lust, die großen Warane zu sehen, übertrumpft letztendlich meine Skrupel. Schließlich kommt die Insel in Sichtweite. Sie besitzt schroffe, steil ins Meer fallende Hänge und ist sehr viel kleiner als die anderen Archipele der Sunda-Inselgruppe. Eine Topografie, wie geschaffen für geheimnisvolle Lebewesen. Der Schrotthaufen von Fähre hält, wartet. Von der Insel lösen sich einige kleine Boote. Es sind Fischer, welche die Passagiere für Komodo zur Insel transportieren. Die Insel selbst kann nur unter großen Risiken von den Fähren direkt angefahren werden. Die Ursache sind die mächtigen Strömungen, welche Komodo umgeben und die unter anderem dafür verantwortlich sind, dass die Evolution auf der Insel einen speziellen Verlauf genommen hat. Dabei sind die Komodo-Warane als einmalige, und nur hier vorkommende Spezies hervorgetreten. Wir erreichen die Insel und ich bemerke die kleinen Herden von Hirschen, welche an den Stränden der Insel scheinbar zahm ruhen. Kein Wunder, den im Inneren der Insel leben die fleischfressenden Drachen. Vom Strand aus betrete ich das kleine Camp, welches von Rangern der indonesischen Regierung betrieben wird. Die Stimmung ist nervös, den kurz vor meinem Kommen wurde der Turnschuh eines vermissten Fotografen vom National Geographic gefunden. Und sein Fuß steckte noch im Schuh. Ich betrete die mir zugeteilte Hütte und blicke zu den Deckenbalken hinauf, auf denen eine Ratte nach der anderen in dichter Folge vorüberhuscht. Sie sind der Grund für das Aussterben der 3,5 Meter großen Echsen. Eingeschleppt von arabischen Händlern, haben sie keine natürlichen Feinde auf der Insel. Für die Echsen sind die Nagetiere zu klein, um ins Beutespektrum zu fallen. Allerdings ernähren sich die Ratten gerne von den Eiern der Warane.
Am nächsten Tag stirbt Puschel II durch sichtbar degenerierte Echsen, welche träge und gewohnheitsbedingt auf Nahrung in einer Art Kiesgrube warten. Und für mich steht die Ziege für ein altes Leben, welches dort unten im Staub dieser sandigen Schlucht, ein schnelles und brutales Ende findet. Niemals wieder werde ich Opfer sein. Nun bin ich für meine Rückkehr bereit.
In Frankfurt angekommen, muss ich den Impuls unterdrücken, spontan umzudrehen und wieder nach Indonesien zurückzufliegen. Was für ein Chaos. Es dauert drei Wochen bis ich mein bürgerliches und soziales Leben wieder einigermaßen im Griff habe. Nachdem ich endlich wieder einen Durchblick über die in den letzten Monaten an mich gerichteten Mails bekommen habe, ist auch klar, wie der nächste Job aussehen wird. Ich soll Computer-Simulationen, Brett- und Karten-Spiele entwickeln und mit diesen neuen Trainingsmethoden, lokale Trainer in Burundi und Ruanda ausbilden. Afrika Rising!
Einige Monate später sitze ich mit Dr. Jürgen über ein Glas Warangi-Gin tief im Herzen Ruandas. Das Leben ist ein Dorf: Dr. Jürgen, Söldner wie ich, kenne ich aus einem Projekt, in dem wir vor vielen, vielen Jahren in Thailand eingesetzt waren. Damals mussten wir mit den verrückten Thais einer Großbank in Bangkok zusammenarbeiten. Unseren Stützpunkt hatten wir im Anantara Hotel in Bangkok gefunden(eines meiner absoluten Lieblingshotels), regelmäßig einen „River of Kings“-Cocktail in der Hand. Dies war damals die bessere Alternative, als mit den, gerade in sexuellen Dingen, hyperaktiven Geschäftspartnern durch die einschlägigen Viertel zu ziehen, um „Farang Ding Dong“´s tanzen zu sehen: Thaifrauen, welche riesige Brüste operiert hatten und die, teilweise bis auf die Knie hängend, im groteskem Widerspruch zu den filigranen Körpern der Frauen standen.
Dr. Jürgen ist alt geworden. Ich erkenne, dass er ein Hörgerät nutzt. „Meridius, was zum Teufel ist hier los?“. Er nimmt einen tiefen Schluck aus dem Glas. Um uns herum hängen schwarze Gestalten, wie wir, über Gläsern mit farbloser Flüssigkeit gebeugt. Wenn sie zu uns herübersehen, blitzten ihre weißen Augäpfel kurz in den dunklen Gesichtern auf. Ich weiß genau, was er meint.
All dieses Elend hier. Unsere Umgebung erscheint exemplarisch für den Zustand der meisten afrikanischen Länder südlich der Sahara. Wir sitzen in einem unfertigen Beton-Rohbau, welcher als Kantine und Bar herhalten muss. Im Hintergrund plärrt ein uralter Fernseher mit unstetem Bild. Und in einem alten, verschließbaren Schrank stehen einige Flachen mit Hochprozentigem, von dem auch wir gerade eine Flasche vor uns stehen haben. Warangi-Gin sollte der urbanen Legende nach, eine unrühmliche Rolle bei dem Völkermord in Ruanda gespielt haben, indem die Gewalttäter durch dieses Gebräu noch weiter enthemmt wurden. In unserem Fall wird dazu diskret noch etwas Tonic-Wasser gereicht.
Ich kenne Dr. Jürgen, wenn er etwas getrunken hat, wird er immer etwas sentimental. Aber das ist OK. Und so fragt sich Dr. Jürgen, warum die afrikanischen Länder trotz Milliarden und Aber-Milliarden Euro Entwicklungshilfe in den letzten Jahrzehnten immer noch in allgegenwärtiger Armut versinken. Liegt es an der kolonialen Vergangenheit? Den Systemen systematischer Ausbeutung, der über Jahrhunderte andauernden Verschleppung in die Sklaverei, der sehr fatalistischen Ausprägung der katholischen Religion in diesen Ländern? Es gibt hunderte, wahrscheinlich tausende, von plausiblen Gründen.
In meinen Ohren summt es penetrant und ich frage mich, wie es diese winzigen Mosquitos hinkriegen, diesen Höllenlärm wie landende Hubschrauber zu produzieren. Mechanisch schlage ich in Richtung Hubschrauber, in der Hoffnung, den Plagegeist erwischt zu haben. In meiner Handfläche hat sich um das zermanschte Insekt ein kleiner dunkel-roter Fleck gebildet. Blut, mein Blut genau genommen. „Wie hoch ist eigentlich die Wahrscheinlichkeit sich hier eine Malaria einzufangen?“ frage ich naiv aus dem Zusammenhang. Dr. Jürgen zuckt mit den Achseln: „Ist halt eine Krankheit, wie jede andere Krankheit auch. Für die Leute hier ist es wie Grippe, wenn sie die Symptome zeigen, gehen sie ins Krankenhaus und dort werden sie den Mist in der Regel auch wieder los.“. So ganz entspannt mich seine Aussage nicht, da ich vor einigen Tagen aufgehört habe die entsprechenden Medikamente zur Prophylaxe einzunehmen. Grund war die Vielzahl an fiesen Nebenwirkungen. So kam ich zu dem Schluss, es sei schlau, einfach Stiche zu vermeiden. Gerade überlege ich, ob ich mehr Angst vor der Krankheit oder den Krankenhäusern hier haben sollte.
„Vielleicht ist den Menschen hier ihre Dynamik abhanden gekommen. Schau mal; wir werden hier von Steuergeldern aus Europa bezahlt. Für die Leute hier wirkt es, als ob wir umsonst arbeiten. Wüssten sie übrigens die Höhe unserer Tagessätze, würde Ihnen wahrscheinlich schwindelig werden. Hier wirkt es vielmehr, als ob wir umsonst arbeiten. Schau mal: die deutsche Regierung beschließt hier Training zu machen. Sie heuert so Typen wie uns an. Das Training, welches wir anbieten, ist für die Teilnehmer hier kostenlos. Gut? Nein! Denn so können sich hier niemals private Bildungsträger und Akademien etablieren, da diese natürlich nicht kostenlos wie wir am Markt agieren können. Das bedeutet: keine private Investitionen, keine Einstellungen von Personal, keine Steuerzahlungen, usw., usw. Es sind wir sozusagen, welche diese Länder ruinieren. Verstehst du?“. Dr. Jürgen leert sein Glas und füllt gleich nach. „Deshalb hat die thailändische Regierung die Teilnahme an allen Entwicklungshilfeprogrammen aufgekündigt. Kannst du dich noch an das Theater damals erinnern?“ „Hatte ich fast vergessen. Hmmm, irgendwie schlüssig, und wenn die Leute in den Ländern erst einmal angefixt sind, suchen sie einfach nach neuen Geldern, anstatt ihre Sachen in Ordnung zu bringen und es gibt Geberinstitutionen die sich darin überschlagen, ihre Hilfsgelder loszuwerden ….“. Ich blicke in das speckige Glas und schwenke die farblose Flüssigkeit, um es wenigstens ein bisschen zu desinfizieren. Dr. Jürgen setzt nach: „Und auch hier in Ruanda ist die politische Haltung der Regierung gegenüber der Entwicklungshilfe sehr skeptisch. Wusstest du, dass die Bevölkerung hier einen nationalen Fond ins Leben gerufen hat, in den jeder gemäß der Höhe seiner Einnahmen einzahlen muss. Aus diesem Hilfsfond werden lokale Hilfsprojekte finanziert.“. Schweigend schauen wir beide in die finstere Nacht. Von flackernden Neonleuchten beleuchtet, hängen Bilder von katholischen Heiligen und Märtyrern an den grauen Betonwänden. Ein Bild über mir trägt besonders dick auf: Jesus selbst reicht mir mit ausladender Geste sein Herz entgegen.
Eine Fliege stürzt in mein Tonic Glas und ertrinkt dort. Ich fische das tote Insekt aus meinem Getränk. Anschließend überhäufe ich es mit dem auf dem Tisch stehenden Zucker (welcher die Flüssigkeit aus den Tracheen des toten Tieres zieht). Nach kurzer Zeit krabbelt das Insekt aus dem Zucker-Kegel und fliegt davon. Dazu hebe ich meine Hände, wie auf dem kitschigen Jesus-Bild über mir. Dr. Jürgen grinst in seinen weißen Bart: „… manchmal bist du mir echt unheimlich!“.
Mein Tagesablauf in der Missionsstation ist sehr einfach strukturiert. Morgens wasche ich mich mit drei Trinkwasser-Falschen, nachdem ich mich am ersten Tag in der Dusche mit einer braunen, semi-flüssigen Substanz „gereinigt“ habe. Dann spielen Dr. Jürgen und ich bis in die Abendstunden mit den Gruppen die entwickelten Lernspiele und danach geht es noch bis in die Nacht mit der Musik von „The Cure“ weiter. Die Stimmung ist gut … eine schöne Zeit. Nach zwei Wochen sind die Trainer ausgebildet und sie müssen zeigen, was sie gelernt haben. Dazu werden einige Standbetreiber vom hiesigen Markt geholt: sie sind die Probe-Teilnehmer für die mündliche Prüfung der Trainer. Ich halte mich im Hintergrund und mache mir Notizen, während vor mir eine Hutu-Frau ihrem Säugling die Brust gibt. Vorher hat sie das Baby aus dem in Afrika typischen Tragetuch von ihrem Rücken geholt. Weinen wegen dieser Tragetücher deshalb die Kleinkinder nie? Habe jedenfalls noch nie ein Baby schreien gehört, welches in diesen Tüchern getragen wird …. Der kleine Bruder des Babies spielt mit einer leeren Plastik-Flasche auf dem staubigen Boden. Als er mich plötzlich wahrnimmt, weiten sich seine Augen. „Muzungu“ flüstert er fast ängstlich. Ich unterdrücke den Impuls, eine Grimasse zu schneiden, und erinnere mich, dass Kinder schreiend davongelaufen sind, als sie mich auf dem Beifahrersitz bei der Hinfahrt gesehen haben. Später erzählt mir einer der Trainer, dass seine Mutter ihm als Kind immer damit gedroht habe, dass ihn der Muzungu holt, wenn er nicht artig sei. Er habe dann nachts vor Angst unter seinem Bett versteckt.
Mein Einsatz in Ruanda neigt sich dem Ende zu. Die letzte Nacht verbringen Dr. Jürgen und ich bei George, dem erfolgreichsten Regisseur Ruandas. Früher hat er Videoclips für Madonna und Phil Collins gemacht. Heute empfängt er uns in seinem malerisch gelegenen und mit italienischen Pinien bewachsenen Anwesen. Der Pool leuchtet mit klarem Wasser in der untergehenden Sonne. Von weiter unterhalb der Lodge dringen Gesänge und der Geruch von Feuern zu uns hinauf. Bis spät in die Nacht unterhalten wir uns. George erzählt uns seine Geschichte. Sein Vater war belgischer Kolonialbeamter, seine Mutter eine einfache Hausangestellte. Sein Vater kehrte nach Belgien zurück und er wuchs unter sehr ärmlichen Verhältnissen in Ruanda auf, und wurde mit zehn Jahren nach Belgien zwangsadoptiert (d.h. seine Mutter dachte, er würde seine Ferien in Belgien verbringen; er kam aber nicht mehr zurück). Dort studierte er dann und wurde ein viel beachteter Filmemacher. Als die Gewalt-Exzesse des Völkermordes langsam ausklagen, kaufte er das alte Anwesen seines Vaters und kehrte nach Ruanda zurück. „Ihr müsst euch das vorstellen: die eine Hälfte der Bevölkerung nimmt die Machete zur Hand und fällt über die andere Hälfte her!“ noch immer spricht Fassungslosigkeit aus der Stimme des alten Mannes. Gedankenverloren streicht er über den kurz gestutzten Bart. Noch immer ist ihm dieses Ereignis unerklärlich. „Deshalb kam ich zurück. Ein Filmemacher könnte die Leute aufklären und ein erneutes Aufflammen der Gewalt verhindern. Denn immer noch gibt es eine unsichtbare Grenze zwischen den Volksgruppen der Hutu und Tutsis. Und immer noch sind alle öffentlichen Ämter in Ruanda mit Tutsis besetzt.“ Der Abend macht mich nachdenklich. Kann der Einzelne vielleicht doch etwas erreichen? George scheint seine Aufgabe im Leben gefunden zu haben.
Am nächsten Tag setze ich meine Reise mit dem Wagen nach Burundi fort, während Dr. Jürgen nach Europa zurückkehrt. Er hat die Leitung eines Hilfsprojektes in Portugal übernommen. Die Entwicklungshilfe kehrt nach Europa zurück: der Kreis schließt sich. Verrückte Welt! Ich hoffe, ich werde ihn eines Tages wiedersehen.
Burundi gehört zu den ärmsten Ländern Afrikas (genau genommen, besetzt es Platz 171 auf dem 175 Länder umfassenden Ranking des Weltentwicklungsberichtes der Vereinten Nationen. Je weiter hinten in der Rangfolge sich das Land befindet, desto ärmer ist es.). Ich fahre über Land mit den in Ruanda ausgebildeten Trainern. Kaum nachdem wir den Schlagbaum hinter uns gelassen haben, welcher die Grenze nach Burundi markiert, empfehlen mir meine Begleiter ein AK-Maschinengewehr zur Selbstverteidigung zu erwerben. Man könne dies problemlos an fast jeder Straßenecke für etwa 70 USD käuflich erwerben. Ich frage mich, wo die ganzen Waffen herkommen und entscheide mich gegen den Kauf. Die Leute sind hier bestimmt tausendmal geübter im Handling dieser Dinge. Viel gefährlicher, wenn auch weniger spektakulär, nehme ich den Verkehr wahr, welchem wir ausgesetzt sind. Wir müssen tief ins Hinterland und der Weg ist lang. Es ist sehr hügelig und die Straßen enorm unübersichtlich. Mit etwa 60kmh kommen uns Fahrrad-Fahrer auf rostigen Vehikeln entgegen, beladen mit Unmengen von Zuckerohr; alle möglichen Arten von Säcken und Tüten; zwei, drei oder vier Bananenstauden. Auch zwei bis drei Mitfahrer auf der Stange sind keine Seltenheit. Oft fahren wir hinter rostigen LKW, deren Reifen so abgefahren sind, dass sie de facto nicht mehr existieren. An den hinteren Bereich der Laster klammern sich Trauben von ungebetenen Mitfahrern und auch Fahrradfahrer halten sich an den extrem unsicheren Maschinen fest, die bergab beachtliche Geschwindigkeiten entwickeln. Nicht selten bis zu fünfzehn Fahrräder bis in die dritte Reihe. Verliert ein Fahrradfahrer, durch eines der vielen Schlaglöcher, seine Balance, wird er sich direkt unter unseren Reifen wiederfinden. Das Gefühl apokalyptischer Zustände schleicht sich nach einer Zeit, verstärkt durch unglaublich heruntergekommene Behausungen und jede Menge ausgeweideter Autowracks, fast schon von selbst ein.
Der Ort für das Training liegt an einer staubigen Straße aus rotem Sand, irgendwo in der Achselhöhle Schwarz-Afrikas. Vor vielen Jahren ist Johannes Paul der II. hier vorbeigekommen und eine Missionsstation wurde zu diesem Anlass errichtet. Hier würde ich für die nächsten Wochen kaserniert sein. Wahrscheinlich das einzige Weißbrot im Umkreis von 1000 km. Die Unterkunft ist so rudimentär, wie es zu erwarten ist. Es kostet mich unendliche Überwindung auf Toilette zu gehen und ich vermeide einen Besuch, so gut und so lange es geht. Der Job läuft gut und alle sind sehr freundlich zu mir. Ich konzentriere mich auf die Arbeit und versuche die unschöne Umgebung zu ignorieren, damit die Zeit schneller vergeht.
Es ist geschafft. Noch ein letztes Mal zittere ich mich durch den Verkehr des Grauens. Nun sitze ich hier im „Club du Lac“, dem besten Hotel der Hauptstadt Bujumbura. Ich blicke auf den einzigen Pool in Burundi, indem sich die Kinder der high society dieses Landes abkühlen. Natürlich gibt es sie auch hier: die Menschen mit richtig Kohle. Dagegen bin auch ich ein armer Schlucker. Da muss man sich keinen Illusionen hingeben. So nippe ich an meinem Glas aus Frankreich importierten Weißweins, welches etwas soviel kostet wie drei durchschnittliche Monatsgehälter in Burundi. Eine steife Brise kommt vom Tanganjikasee herüber, an dessen schönsten Sandstrand-Abschnitt das Hotel direkt anliegt. Nachts sollen nicht selten Flusspferde aus dem See auf der Suche nach Essbaren hierher kommen und dabei die Anlagen des Hotels verwüsten. Der Job ist gut gelaufen. Alles stimmt. Oder?
Ich stelle das Glas auf einen der französischen Bistro-Tische und mache mich daran, das Hotel zu verlassen. Auf dem Weg zum einem der Taxis, welches vor dem Hotel wartet, telefoniere ich mit einigen meiner Trainer, welche noch einige Wochen ohne mich das Training in der Missionsstation fortsetzen. Die gefährliche Anreise ist mir egal -ich werde in drei Stunden dort sein und lege mein Leben in die Hände der unberechenbaren afrikanischen Götter der Straße.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit komme ich in Gitega an. Meine ehemaligen Teilnehmer erwarten mich an der staubigen Straße und trotz der einsetzenden Dunkelheit erkenne ich den fragenden Ausdruck in ihren dunklen Gesichtern.
Normalerweise kaufe ich immer irgendeinen Tinnef auf meinen Reisen: Teppiche, Bilder, Statuen, Masken, Fossilien, so ein Zeug halt. Mein ganzes Haus ist bereits voll davon. Entsprechend habe ich immer etwas Geld dabei. Hier habe ich aber nicht einmal die Spur einer Gelegenheit gehabt, etwas davon auszugeben. Können diese 2000 USD nicht irgendwie sinnvoll investiert werden? Bis tief in die Nacht sitzen wir zusammen und überlegen, was mit dem Geld angestellt werden kann. Und kurz vor 2 Uhr haben wir einen Plan.
Für einen kleinen Teil des Geldes kaufen wir Taschenrechner für eine Schule nur wenige hundert Meter von uns entfernt. Der Großteil des Betrages wird in eine Pilzzucht investiert, mit der die Betreiber ein eigenes Einkommen generieren. Aus einem Teil der Erträge aus der Zucht soll das Geld schrittweise in einen Fond zurückfließen, aus dem dann neue Pilzzuchten finanziert werden. Ich will keine Zinsen. Wir versprechen uns die Umsetzung des Planes mit einer Flasche Warangi und reichen uns die Hände. Selbst wenn ich mich dabei immer wieder erschrecke, dass Gasano, einer der Trainer, an der Hand sechs Finger hat, was sich beim Händeschütteln immer komisch anfühlt.
Am nächsten Tag besorgen wir die Taschenrechner und besuchen die Schule. Alle Kinder sind kahlgeschoren und tragen blaue, abgenutzte Kittel als Schuluniformen. Die Schule ist extrem heruntergekommen und es fehlt an allem Möglichem und Unmöglichen. Allein der Zustand der Toiletten schnürt mir den Magen ab und die Kehle zu. Spontan erweitere ich unseren Plan um eine kleine Hühnerzucht. Aus dem Verkauf von Eiern und Federvieh sollen Unterrichtsmaterialien und Renovierungen finanziert werden. Plötzlich habe ich das Gefühl etwas Richtiges getan zu haben. Ein schönes Gefühl, welches ich sogar noch auf meinem Rückflug nach Frankfurt spüre. In Frankfurt angekommen, muss ich über den Ausklang meines Afrika-Einsatzes nachdenken. Die Durchsicht meiner Mails zeigt mir, dass ein Einsatz in Saudi-Arabien und dem Jemen ansteht. Was soll ich tun?
9.A. Ich nehme den, nicht ganz ungefährlichen, Job im Nahen Osten an.
9.B. Ich versuche eine eigene Entwicklungshilfegesellschaft zu gründen.
