Der Helfer · Kapitel 9
Das neunte Leben: Unter einem blutigem Halbmond
9.A. Ich nehme den, nicht ganz ungefährlichen, Job im Nahen Osten an.
Es gibt Länder, welche scheinbar ein Image-Problem haben. Die Länder, zu denen nun die Reise geht, gehören wahrscheinlich dazu. Zuerst geht es nach Saudi-Arabien. Mein Job hier beinhaltet lediglich, einen einwöchigen Workshop über Unternehmensgründung zu halten. Und tatsächlich hinterlässt mein Aufenthalt in Saudi-Arabien einen herben Nachgeschmack bei mir. Gegebenenfalls liegt dies an meiner Unterbringung in streng bewachten Enklaven, deren Zugänge mit MG-Nestern gesichert sind. Vielleicht liegt es an der Eigenheit meiner Teilnehmer, den aus Deutschland kommenden Experten mit „Heil Hitler“ zu begrüßen. Es kann aber auch sein, dass der durchwachsene Eindruck aus der Idee resultiert, den Ausklang des Seminars ins Sport-Stadion zu verlegen. Hier findet aber kein Fußballturnier der Lokalmannschaft statt, sondern die anstehenden, öffentlichen Hinrichtungen werden vollzogen. Obwohl der Jubel, der entsteht, wenn eine Mannschaft ein Tor erzielt, durchaus mit dem Jubel zu vergleichen ist, der aufbrandet, wenn eine Ehebrecherin enthauptet wird.
Vielleicht liegt es an diesen Ereignissen, dass sich meine Vorfreude auf den Jemen immer weiter verflüchtigt, bis schließlich ein diffuses Gefühl der Bedrohung bleibt. Mit diesem Gefühl verlasse ich Ryad, wo unheimlich wenige, unheimlich reiche Menschen leben. Ich fahre an den wenigen Stränden vorbei, an denen hunderte, vielleicht sogar tausende junge Männer ohne Arbeit herumlungern und ausgehungert den wenigen Frauen zusehen, welche den Mut haben, im Ganzkörperschleier in den bräunlichen Fluten etwas Abkühlung zu suchen.
Am Schalter im Flughafen erlebe ich zum letzten Mal die spezielle, arabische Form der Arbeitsteilung. Nachdem ich meine Wünsche zum Sitzplatz im Flieger einem Araber mitteile, verschwindet dieser nach hinten, wo mein Anliegen von Fachkräften aus Pakistan und den Philippinen kompetent bearbeitet wird. So ist das hier: quer durch alle Branchen und überall im Land.
Endlich sitze ich im Flieger, spürend, das mir im Jemen etwas Fieses passieren wird. Woher kommt dieses Gefühl, welches ich häufig gegenüber muslimischen Kulturen habe? Der Grund mag in der Vergangenheit liegen.
Als Student hat mich die Frage beschäftigt, ob ich in einer mir völlig fremden Kultur leben könnte. Die zentrale Antwort auf meine „Identitätsfrage“ bekam ich durch einen Vorfall in einem kleinen Kaff namens Bulukumba auf der indonesischen Insel Sulawesi: ich startete mein Abenteuer in Bali. Dort hatte ich, wie es zu meinem Status als Student passte, billig eine kleine Hütte zum Übernachten neben einem Nachtclub bekommen. Aber das Schnäppchen hatte eine Schattenseite, denn schlafen konnte man dort wegen des Lärms nicht. Nach ein paar Tagen ging es weiter nach Sulawesi, einer Insel, welche im Norden Bali´s lag und damals touristisch wenig erschlossen war. In der Hauptstadt Ujung Pandang hatte ich kein Glück eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Alle Unterkünfte meiner Preisklasse schienen verschwunden, ausgebucht, pleite, oder abgebrannt zu sein. Ich übernachtete schließlich in einem wahren Dreckloch. Die sanitären Anlagen versprachen sämtlichen Krankheiten, welche durch nicht vorhandene Hygiene übertragbar sind. Das Zimmer wimmelte von Mücken, welche in dieser Region grundsätzlich die tödliche Malaria-Tropica übertragen konnten. Es fehlte mir der Mut mir vorzustellen, welche Flora und Fauna die Matratze unter mir beherbergen könnte. Kurz: ich schlief wieder sehr schlecht.
Am nächsten Tag ging es dann weiter mit einem Sammeltaxi die Küste entlang. Ich blieb wach, um sicherzugehen, dass mein Gepäck aus dem Stauraum nicht beim nächstbesten Halt mitgenommen wurde. Irgendwann hatte ich meine Grenze erreicht und war nur noch am Ende vor Müdigkeit und so stieg ich kurzentschlossen am nächsten Halt aus.
Ich schlug mich mit dürftigen Sprach-Kenntnissen in Bahasa Indonesia (einer künstlich geschaffenen Sprachen, die zu den am einfachsten zu erlernbaren Sprachen der Welt zählt) zu einem zu einem Indonesier, genauer: Bukinesen, durch, der eines seiner Zimmer privat vermietete. Um 18 Uhr dann der Ruf des Muezin, welcher zum Abendgebet der Muslime ruft und dann … Stille. AH. Nur Eltern mit im Nachtprogramm anspruchsvollen Kleinkindern können nachempfinden, wie es ist, endlich, endlich die Augen zu schließen in der Erwartung einer ungestörten langen Nacht.
Ohne Vorwarnung beginnt die Michael-Jackson-Karaoke Show auf der Straße. Und zwar mit nur einem Lied: Billy Jeanne. 20 Uhr: … „Billy Jeanne …“. 22 Uhr: … „… is not …“. 24 Uhr: „… my lover …“. Ich hielt es irgendwie bis 2:30 Uhr aus, dann mutierte ich zum Werwolf. Ich stürmte auf die Straße, rot vor Wut. Die kleinen Jacksons erfassten sofort den Ernst ihrer Lage und suchten das Weite. Ich wiederstand mühsam dem Impuls die Musik-Anlage im Affekt zu zerlegen und schaltete das nerv tötende Ding endlich ab. In just diesem Moment flog schon der erste Stein. Er streifte leicht meine linke Schulter. Aus den einfachen Häusern strömten die Menschen. Es war ein wütender Mob! Verdammt, wo kamen die ganzen Leute her? Es ist Mitten in der Nacht! Ich sprintete zurück zur Unterkunft. Ein Treffer im Rücken raubte mir fast den Atem. Scheiße, es ging hier ums Ganze. Ich lief um mein Leben auf die Unterkunft zu. Ich stürze zur Tür und schmettere sie ins Schloss. Durch den Flur des kleinen Hauses eilte ich weiter zu meinem Zimmer. Etwas warmes, Flüssiges lief meinem Rücken hinunter. Ich wusste, dass es mein Blut war.
In meinem spartanisch eingerichteten Zimmer angekommen, wirbelten meine Gedanken. Als ich durch das vergitterte Fenster lugte, zersprang dieses durch einen gezielten Steinwurf. Sprechchöre wurden laut. Irgendwas roch verbrannt. Die da draußen wollten mir als Leder, meinen Kopf auf einer Stange, etwas in dieser Richtung. Eines wurde mir klar: es war kein Spiel -es war bitterer Ernst.
Plötzlich überkam mich eine große Ruhe. Die eigenen Gedanken überraschten mich: Tja, das war es dann wohl. Ich nahm meine Waffen, eine Machete und ein norwegisches Jagdmesser, stopfte mir mein gesamtes Bargeld in die Taschen, um dieses dann in die Menge zu werfen, wenn die Waffen stecken blieben. Irgendwann hatte ich das einmal in einem Film, wahrscheinlich aus Hollywood, gesehen. Zugegeben, eine dämliche Idee. Mit absoluter Ruhe machte ich mich bereit zu sterben. Ich wartete auf meine Mörder. Die Sprechchöre draußen wurden lauter. Wie viele waren da draußen? Es hörte sich an, als ob es Dutzende wären.
Die Klinke der Tür senkte sich in Zeitlupe wie in einem schlechten Horrorfilm. Ich holte mit meiner Machete aus. In meinen Kopf hämmerten Wikinger Gesänge. Gleich. Alles in einem Schlag. Die Klinke war nun unten. Die Tür öffnete sich. Jetzt! Halt! Vor mir stand aschfahl der Typ, der mir das Zimmer vermietet hatte. Er redete. Zu schnell, um ihn zu verstehen. Er zerrte an meinem Arm. Draußen schlugen sie auf irgendetwas. Die dumpfen Töne hallten durch das kleine Haus. Der Vermieter gestikulierte hektisch. Ich sollte ihm folgen. Er führte mich fort. Durch das Haus. Aufs Dach. Dann aufs Dach des Nachbarhauses. Und auf dessen abgewandter Seite nach unten. Ich hatte es geschafft. Ich wurde ruhiger und konnte ihn wieder verstehen. Er erklärte mir, dass ich in eine Ramadan-Veranstaltung geplatzt bin. Während die Balinesen einer primitiv erscheinenden Form des Hinduismuses folgten, waren die Bukinesen knallharte Muslime. Einer cholerischen Langnase wurde in dieser Situation nicht viel Toleranz entgegengebracht. Mein Retter, der Vermieter, fürchtete die Fragen der Polizei. Kommt irgendwie schlecht, ein gelynchter Tourist im Eigenheim. Nur deshalb rettete er mich. Ich war ihm trotzdem dankbar und entschädigte ihn für den Schaden, welchen ich ihm indirekt durch mein Verhalten verursacht hatte.
Dies passierte im muslimischen Indonesien, dem Land welches Jahr für Jahr die meisten Pilger nach Mekka entsendet und gleichzeitig, aus meiner Sicht jedenfalls, das Land mit den höflichsten Menschen der Welt ist. Das Ereignis hinterlässt bei mir eine merkwürdige Wahrnehmung, was Muslime angeht: irgendwo zwischen Mönch und Monster.
Ich bleibe für mehrere Wochen in Sanaa, der Hauptstadt des Jemens. Meine Aufgabe dort, ist der Aufbau eines Schulungszentrums für den jemenitischen Bankensektor. Bei der ersten Begehung des Schulungsgeländes traue ich meinen Augen nicht: viele Räume sind ungenutzt und durch zerschlagene Fenster weht, wahrscheinlich seit vielen Jahren, der Wind feinen Wüstensand in das Gebäude. Elektrische Installationen und sanitäre Anlagen ergänzen den jämmerlichen Gesamteindruck. Streckenweise habe ich das Gefühl, durch eine Bauruine geführt zu werden. Vor vielen Jahren habe ich in Kairo die „Stadt der Toten“ besucht, einen riesigen Friedhof, dessen Gräber aber auch von den Lebenden bewohnt wurden. Irgendwie eine vergleichbare Atmosphäre. Zudem wird das „Trainingsinstitut“ von sieben Managern geführt, bei einer Gesamtzahl von drei Angestellten. Ich versuche mir die Organisation als entsprechenden menschlichen Körper vorzustellen: ein winziges Körperchen, versehen mit dürren Gliedern, welcher von einem riesigen Wasserkopf gekrönt wird. Trotz allem gestaltet sich die Zusammenarbeit auf seltsame Weise harmonisch mit allen Beteiligten und ich versuche, trotz der schwierigen Rahmenbedingungen, einige positive Ergebnisse für das Institut zu erzielen. Nicht einfach, in einem Land mit einer Analphabeten-Quote von über fünfzig Prozent. Die Abende verbringe ich in meinem Zimmer, welches für mich bei einer alten Dame angemietet wurde. Insbesondere abends leide ich unter der Einsamkeit und so reift in den vielen langweiligen Abenden ein Plan. An meinem letzten Wochenende möchte ich einige frisch entdeckte Ruinen eines Palastes besuchen, welche außerhalb der Hauptstadt liegen und, so munkelt man, wohl der Königin von Saba zugerechnet werden könnten. Zwar gibt es auch in Äthiopien stammende ähnliche Meldungen, aber ich bin überzeugt, dass diese schlicht nicht stimmen.
Langsam beginne ich, den Ausflug als Highlight meines Einsatzes hier vorzubereiten. Dazu stelle ich den Kontakt zum Fahrer des Direktors her. Einen älteren, clever wirkenden Herrn, der froh ist, sich ein paar Dollar nebenher verdienen zu können. Wir vereinbaren, dass er mich am Samstagmorgen von meiner Unterkunft abholt. Alles läuft nach Plan und der alte, schwarze Mercedes steht am vereinbarten Zeitpunkt vor der Tür. Die, sich teilweise kaum von Sandpisten zu unterscheidenden Straßen, führen uns innerhalb einer Stunde aus der Hauptstadt hinaus. Und bald umgibt uns eine Einöde aus Geröll und gelben Sand. Zwischen den Bergen schlängelt sich die Sandpiste durch diese unwirtliche und eintönige Gegend, deren visueller Eindruck durch allgegenwärtigen, gelblichen Staub dominiert wird. Ich nicke ein und wache durch einen gezielten Stupser des Fahrers in meine ihm zugewandte, linke Seite auf. Nervös zeigt er auf eine Staubwolke, welche auf uns zuzukommen scheint. Er sagt nur ein Wort, welches mir sofort die Gefahr signalisiert, in der wir uns befinden: „Warlords!“.
Fast zeitnah erkenne ich eine zweite Staubwolke, welche hinter uns von einem gelben Hügel kommend, sich auf einen Punkt der Piste zubewegt, welchen wir vor etwa zehn Minuten passiert haben. In Gedanken verlängere ich den Weg des hinter uns aus die Piste zusteuernden Fahrzeuges und komme zu einer ernüchternden Erkenntnis: unser Weg zurück ist gerade abgeschnitten worden; wir sitzen in der Falle. Energisch bitte ich den Fahrer darum sofort umzukehren, vielleicht können wir uns irgendwie herauswinden oder es ist alles nur ein dämliches Missverständnis und wir schätzen eine, eigentlich völlig harmlose Alltagssituation, als viel zu bedrohlich für uns ein.
Ich halte die Luft an und zähle die Dollar in Gedanken durch, welche ich heute Morgen bar mitgenommen habe. Es müssten etwa 250 USD sein. Vielleicht reicht es für ein spontanes Bakshish? Ich fingere das Geld aus der Tasche, während wir uns immer mehr dem hinteren Fahrzeug nähern, welches nun angehalten hat und auf uns zu warten scheint. Der Fahrer sieht kurz zu mir herüber, ich erkenne Schweissperlen auf seiner niedrigen Stirn. Er erkennt, was ich vorhabe und schüttelt vehement den Kopf: „No, not enough. Very dangerous.“. Wir nähern uns schnell dem Fahrzeug. Es sieht immer beschissener aus. Das Fahrzeug aus der Staubwolke entpuppt sich als betagter, aber sehr geländefähiger Jeep, mit aufgebauter MG-Station versehen. Freundlich wirkt uns die Besatzung des Gefährtes zu, in bärtigen Gesichtern blitzen die Goldzähne. Nach hinten blickend, erkenne ich, das auch das Fahrzeug hinter uns zu uns aufschließt. Auch bei diesem Fahrzeug handelt es sich (zufällig?), um einen Jeep mit MG. Nur wenige Augenblicke später haben sie vor und hinter unserem Mercedes Stellung bezogen, und diesen somit zwischen sich eingekeilt; dabei die MG´s auf uns ausrichtend. Kumpelhaft, aber bestimmt, geben sie uns zu verstehen, ihnen ins Ungewisse zu folgen.
Um solche, für uns fremde, Situationen in etwa einschätzen zu können, orientiere ich mich immer an den Einheimischen. Die Reaktion meines Fahrers, der am ehesten abschätzen kann, was uns erwartet, gefällt mir aber überhaupt nicht: er scheint regelrecht in seinem schmuddeligen Fahrersitz verschwinden zu wollen. Gequält stöhnt er auf, als wir beginnen, unseren „Gastgebern“ auf einen schlecht zugänglichen Ziegenpfad hinauf ins Niemandsland zu folgen. Wir fahren in der Mitte des kleinen Konvois, aber unsere Entführer versäumen es keine Sekunde, die bemannten MG´s auf uns gerichtet zu lassen. Selbst wenn wir es schaffen sollten, an ihnen vorbei zu manövrieren, was zu meinem tiefsten Bedauern, einer physikalischen Unmöglichkeit entsprach, würden uns die Waffen sofort stoppen.
Den ganzen Weg bin ich damit beschäftigt, mich innerlich zu kasteien. Die Königin von Saba! Was für eine Riesen-Scheiße! Und ich hatte die ganze Zeit dieses schlechte Gefühl. Aber mir kann ja nichts passieren. Mir doch nicht! Tja, Irrtum! Nun habe ich den Bogen offensichtlich überspannt. Selber Schuld, selber Schuld, selber Schuld, selber Schuld, STOP! Das bringt nichts, muss mich dazu zwingen, nachzudenken. Die Situation analysieren. Muss Löcher im Netz finden, welches sich unsichtbar und unerbittlich um uns zusammenzieht. Meine Gedanken drehen sich in immer irrwitzigeren Kapriolen. Hektisch und wirr, wie in einem Fiebertraum, generiere ich die überdrehtesten Ideen, um sie im Anschluss gleich wieder zu verwerfen.
Mit jedem Meter, welchen wir uns von der Piste entfernen und weiter ins Hinterland vordringen, sinken unsere Chancen wieder heil zurückzukommen. Schließlich erreichen wir ein kleines Seitental. Wir verlassen den Ziegenpfad und folgen einem ausgetrockneten Flussbett weiter ins Gebirge hinein. Endlich nähern wir uns dem Ende unserer Reise und auch dem Ende des Tages. Das Licht der untergehenden Sonne beleuchtet nun das Ziel unserer unfreiwilligen Tour: ein Zeltlager am Fuße einer mächtigen Steinwand. Jedes, der vier Zelte ist mit sandfarbenen Planen bedeckt; genauso wie die Fahrzeuge, von denen etwa acht in einiger Entfernung um die Zelte platziert sind. Unsere Begleiter bringen ihre Fahrzeuge zum Halten ... und wir halten gezwungenermaßen mit ihnen. Mit vorgehaltenen Kalaschnikows öffnen unsere Entführer die Türen und bitten uns auszusteigen.
Wir werden höflich, aber bestimmt, dazu aufgefordert, in einem der schmucklosen Zelte Platz zu nehmen. Kurze Zeit später erhalten wir jeder eine aufgewärmte Dose Linsen. „Kein offenes Feuer, wegen dem Rauch“ erklärt mein Fahrer mit einem fatalistischen Ausdruck auf dem Gesicht. Anscheinend ist er bereits für sich zu der Erkenntnis gelangt, sich mit der Situation abzufinden. Soweit bin ich noch nicht, allerdings habe ich ausnahmsweise nicht den Hauch eines Planes in meinem Ärmel. Verzweifelt versuche ich, gegen die sich ausbreitende Hoffnungslosigkeit in meinem Inneren anzukämpfen. Draußen unterhalten sich, in der lautstarken Art der Araber, unsere Entführer in ihrer Landessprache. Da ich kein Wort verstehe, packe ich meinen Fahrer unsanft am Arm. Er zuckt zusammen, meinen Griff instinktiv abschüttelnd wollend. „Was sagen sie? Worüber reden sie?“ frage ich ihn drängend. Er versteht und lauscht mit mir in die Nacht, außerhalb des Zeltes. Ich wage kaum zu atmen, um ihn nicht zu stören. Es ist für mich ein neues, sehr ungewohntes Gefühl mich in einer kompletten Abhängigkeit zu befinden. Meinen Fahrer musternd, bemühe ich mich, mir meine Gedanken nicht anmerken zu lassen.
Plötzlich scheint sich seine Miene etwas aufzuhellen. „Sie reden etwas von einer Waffenlieferung, aber ich bin mir nicht ganz sicher.“ sagt er leise, wie zu sich selbst gewandt. Ich denke nach. Aus meiner Sicht bieten sich zwei Optionen:
10.A. Ich gebe mich den Entführern gegenüber als Waffenlieferant aus, obwohl ich keine Ahnung von der Materie habe.
10.B. Ich warte auf Rettung oder eine Gelegenheit zur Flucht.
9.B. Ich versuche eine eigene Entwicklungshilfegesellschaft zu gründen.
Vielleicht ist Alles ganz einfach. Seit Ruanda sehe ich vieles klarer. Es ist, als ob ich aus einem sehr langen Schlaf erwache. Die Zauberworte heißen: „private Initiative“. Weg von dem Denken: „Viel Geld hilft (automatisch) auch viel“. Lieber kleinere Beträge, und dafür viele Mini-Projekte. Ziel sollte es sein, die Menschen in Europa verantwortlich zu machen, für die vielen Anderen in diesen armen Ländern unserer Welt. Persönliche Bindungen sollten im Vordergrund stehen, anstatt gesichtslose Organisationen die Verteilung von Geldern erledigen zu lassen. Dies ist doch auch ein Hauch Freiheit, wenn man jemanden helfen kann. Praktisch irgendwo auf der Welt ein „Helfer“ für jemanden zu sein, unabhängig von den alltäglichen Sorgen zu Hause.
Der Mensch scheint von Natur aus gut zu sein. Selbst die Höhlenmenschen pflegten ihre Verkrüppelten, obwohl sie nicht mehr zur Ernährung des Clans betragen konnten. Und sie beerdigten ihre Toten, obwohl dies auch nicht pragmatisch war. Das taten die Menschen seit Anfang an und für tausende von Jahren. Warum sollten wir dies verlernt haben?
Die Millionenbudgets der Entwicklungshilfe-Projekte schaffen Begehrlichkeiten. Korruption und Betrug lohnen sich ja bei diesen Summen, während meine kleine Initiative in Ruanda lediglich ein paar hundert Euro umfasste, und damit wahrscheinlich zu klein war, um Aufmerksamkeit korrupter Strukturen zu erlangen. In meiner Organisation sollte mit kleinen Projekten mit kleinen Beträgen angefangen werden, um zu schauen, ob die Empfänger vernünftig damit umgehen. Im Laufe der Jahre, können die Beträge ja ansteigen ….
Auf diesen Gedanken aufbauend, gründe ich einen gemeinnützigen Verein, der versucht, das Konzept mit Leben zu erfüllen. Verstärkt spreche ich Schüler und Studenten an, welche etwas verändern wollen. Nebenbei erhalten sie wichtige Qualifikationen. Die Qualifikationen ohne Strukturen etwas aufzubauen, mit Menschen fremder Kultur gemeinsam etwas erreichen, zu improvisieren, und vieles mehr. Welche Schule oder Hochschule bietet diese Qualifikationen an? Keine.
Und es funktioniert. Zuerst konzentriert sich der Verein auf einen kleinen Ort in Ruanda, dann folgen weitere Orte: in Marokko, Georgien, Mexiko. Am Anfang nimmt kaum jemand Notiz von der Initiative, dann kommen erste Auszeichnungen. Es entsteht eine öffentliche Wahrnehmung. Zeitungen berichten, erst im Regionalteil, dann schließlich im Feuilleton, schließlich berichtet der Stern. Nun sind wir bekannt, viele reden, beobachten, nur wenige handeln, aber es sind genug. Und ich? Endlich, nach all den Jahren, beginne ich nun doch damit, mit meiner Zeit etwas Sinnvolles anzustellen.
ENDE
