Der Helfer · Kapitel 10
Das zehnte Leben: Verschollen am Amazonas
10.A. Ich gebe mich den Entführern gegenüber als Waffenlieferant aus, obwohl ich keine Ahnung von der Materie habe.
Es passiert nicht oft im Leben, dass man gezwungen ist, alles auf eine Karte zu setzten. Es passiert nicht oft, dass ein winziger Moment über Leben oder Tod entscheidet. Ich spüre, dass ein solcher Moment unaufhaltsam immer näher rückt. Meine Gedanken rotieren im Schädel, einen waghalsigen, vielleicht völlig idiotischen Plan kreierend. Tief atme ich ein; in der Hoffnung, dadurch das flaue Gefühl in meiner Magengegend reduzieren zu können. Mein Fahrer und Leidensgenosse scheint zu verstehen und verzieht sein Gesicht zu einer gequälten Grimasse. „Ich will den Verantwortlichen sprechen!“ rufe ich so laut auf Englisch, dass das halbe Lager es hören müsste. Mein Fahrer liefert die Übersetzung sofort und in vergleichbarer Lautstärke.
Ich nicke unwillkürlich vor Zustimmung: sein Arabisch wirkt auf mich fordernd und unwirsch, Schwäche und Zweifel scheinen nicht in seiner Stimme mitzuschwingen. Und kaum ist unser Wunsch verklungen, beginnen unsere Wärter kaum weniger lauthals miteinander zu diskutieren. Schließlich geht einer der Beiden; ich höre deutlich, wie seine Schritte sich entfernen. Hoffentlich ist er auf dem Weg, unserer Forderung nachzukommen.
Es dauert eine Weile, bis der Wärter mit einem weiteren Mann zurückkehrt. Ich kneife die Augen zusammen, um den Neuankömmling besser erkennen zu können. Flüchtig glaube ich ihn bei unserer Ankunft im Lager gesehen zu haben. Er ist um die vierzig Jahre alt und sein Gesicht erinnert mich stark an einen Raubvogel. Und genauso betrachtet er mich auch über seine lange, leicht gebogene Nase hinweg. Seine wachen Augen mustern mich misstrauisch, während seine linke Hand an den Antilopenhorn-Knauf seines im breiten Gürtel steckenden traditionellen Dolches wandert. Meine Schultern straffend, versuche ich die innere Stimme zu ignorieren, welche mir zubrüllt, dass ich keinerlei Ahnung von Waffen jeglicher Art habe und mein Plan mich als Gesandter eines Waffenlieferanten auszugeben, unmöglich funktionieren kann. Stattdessen suche ich den stechenden Blick meines Gegenübers und zwinge mich ihm standzuhalten. Mich um eine feste Stimme bemühend, nicke ich dem Fahrer zu, meine Worte bitte zu übersetzen: „Man hat mich geschickt, um somit noch einmal persönlich zu versichern, das alles gemäß den gemachten Vereinbarungen organisiert wird und die Lieferung wie versprochen zu Ihnen unterwegs ist.“.
Mein Hals ist so trocken. Er erinnert mich an die Wüste um mich herum, in der ich bald verscharrt werde. Schweigen. Unsere Entführer sehen sich mit unbestimmter Mimik an. Sind sie irritiert? Oder zeigen sich bereits Zeichen von Verärgerung? Mein Magen beschließt inzwischen, sich beharrlich mit steigender Frequenz zu verkrampfen. Noch kann ich dem Impuls widerstehen, den Männern mir gegenüber vor die Füße zu kotzen. Aber nicht mehr lange. Noch nie in meinem Leben habe ich mit so hohem Einsatz gespielt!
Werden im arabischen Raum Geschäfte beschlossen, stehen Sympathie und das Gefühl der Zuverlässigkeit zwischen den handelnden Personen sehr hoch im Kurs. Höher noch als das Image der hinter den Personen stehenden Unternehmen. Der Eindruck eines persönlichen Bemühens zählt hier viel … und darauf setze ich. Mich zu einem schiefen Grinsen vergewaltigend, schaue ich in die Runde. Kalter Schweiß bildet sich auf meiner Stirn. Eine Entscheidung liegt in der Luft. Draußen heult der Wind durch das abgelegene Tal und Leben und Tod liegen ganz nah beieinander. Meine Knie beginnen zu zittern und ich beginne, trotz der Kühle der Nacht, zu frieren.
Es ist ein heiseres, bellendes Lachen, welches die Erlösung für uns bringt. Bärtige Gesichter, welche offensichtlich wenig Gelegenheit zur Heiterkeit haben, blicken uns mit schmierigem Grinsen an. Goldzähne blitzen im Schein des gedämpften Lichts. Mit einem entschuldigenden Achselzucken kommen die Entführer auf uns zu, klopfen uns plump auf unsere Schultern, bevor sie uns in unbeholfener Freundlichkeit umarmen. Unbemerkt wische ich meine patschnassen Handflächen an meinen Hosenbeinen ab.
Wenige Stunden später sind wir auf dem Rückweg in die Hauptstadt. Ich betrachte die aufwendigen Verzierungen des silbernen Dolches, welchen ich in meinen, immer noch vor Angst zitternden Händen, halte. Die aufgehende Sonne wirft schimmernde Reflexionen auf das kalte Metall. Immer noch schwitze ich, obwohl wir eine Ehren-Eskorte bekommen haben. Sie besteht aus denselben zwei Geländefahrzeugen, welche bereits an unserer Entführung beteiligt waren, nur diesmal zielen die aufgepflanzten Maschinengewehre nicht auf uns, sondern auf unbestimmte Punkte am schroffen Horizont. Hoffentlich bleibt dies so, denn wenn unser Schwindel doch noch auffliegt, sind wir verloren. Nur ein Kontrollanruf oder ein blöder Zufall. Unser Leben hängt immer noch an einen sehr dünnen Faden. Als wir die Vororte der Hauptstadt erreichen, verlassen uns unsere Begleiter. Zum Abschied uns fröhlich zuwinkend, kehren sie in die Wüste zurück.
Augenblicke später stehe ich in meinem Hotelzimmer, hektisch meine Sachen in die Koffer stopfend. Und noch ein paar Momente verstreichen und ich habe mein Ticket nach Frankfurt umgebucht; gerne warte ich die elf Stunden bis zur nächsten Maschine am Flughafen. Vor dem Flughafen-Gebäude verabschiede ich mich von Abdullah. Komisch, dass ich erst jetzt seinen Namen erfahre. Oder vielleicht erfahre ich ihn nur, weil wir gemeinsam eine extreme Gefahrensituation überlebt haben? Uns stehen beiden die Tränen in den Augen, wissend dass wir unser Leben den jeweils Anderen verdanken. Ein unsichtbares Band hat sich zwischen uns gebildet und uns in gewisser Hinsicht zusammengeschweißt. Doch ich hänge an meinem Leben, drehe mich um und betrete die Sicherheit versprechende Schalterhalle des heruntergekommenen Flughafens.
Knappe zwei Jahre halten wir einen regelmäßigen Kontakt, dann bricht dieser ab. Es ist schwierig für mich herauszufinden, warum Abdullah nicht mehr zu erreichen ist. Schließlich bekomme ich die Gewissheit auf meine schlimmen Vorahnungen. Die Bombe, welche seinen Tod besiegelte, zündete, als er auf einen Experten der Weltbank vor dessen Hotel wartete. Nie wieder kehre ich in den Jemen zurück und ich brauche einige Monate, mich von dem Erlebnis zu kurieren.
Doch zu viel Nachdenken schadet nur. Schließlich werde ich Teil eines Projektteam der Inter-American-Development Bank in Brasilien. Ausgangspunkt des Projektes ist Manaus, eine Stadt, welche den Charme einer alten Konkubine besitzt. Die goldenen Zeiten sind im Stadtbild noch gut an den pittoresken Villen der Kautschukbarone zu erkennen. Aber diese Zeiten sind längst vergangen und Armut und Verfall dominieren den Eindruck des Besuchers. Ziel des Projektes ist es, entlegene Regionen des Landes, vorwiegend im Amazonas Becken, mit Bankleistungen zu versorgen. Also rudimentärer Zahlungsverkehr, kleine Kredite und Sparleistungen zu ermöglichen. Um dieses Ziel umzusetzen, wird eines der klassischen Flussboote in eine schwimmende Bankfiliale umgebaut. Nach Abschluss der Umbauarbeiten, beginnen wir unsere Reise und fahren von Manaus, den Rio Urubú, einem Seitenarm des Amazonas hinauf. Neben der Besatzung des Bootes sind einige potentielle Banksachbearbeiter dabei, welche wir auf der Reise ausbilden werden. „Wir“ sind zwei internationale Experten: Hermann und ich. Hermann kenne ich aus zwei Projekten vor einigen Jahren in Vietnam und Tibet. In Vietnam haben wir für den Direktor einer Bankuniversität, einem alten Sittenstrolch, sein Lehrpersonal gemeinsam ausgebildet. Einige Jahre später haben wir in Tibet eine Studie verfasst, um ein größeres Trainingsprojekt auf den Weg zu bringen. Beim chinesischen Bankett zu unserem Abschied gab es Fisch. Und während des Essens erfuhr ich, dass es in Tibet keine Friedhöfe gibt, weil vor allem arme Tibeter nach ihrem Tod zerlegt und an die Fische in den Flüssen verfüttert werden.
Hermann ist ein brillanter Trainer Ende Fünfzig, voller Energie und sehr direkt. Und dann ist da noch Wayne, unser lokaler Führer, der uns begleitet, wenn wir das Boot verlassen und uns vom Fluss ins Landesinnere bewegen müssen. Wayne ist so ungefähr das Gegenteil von Hermann. Noch nie habe ich einen so lethargisch wirkenden Menschen gesehen. Auch sein gesamtes Erscheinungsbild strahlt diese Eigenschaft aus. Sein aufgedunsenes Gesicht, scheint kaum über Konturen zu verfügen. Während er seinen untersetzten Körper erfolgreich in mindestens zwei Nummern zu kleine, graue Tarnklamotten zwängt. Irgendwie hat er etwas von einem Schwamm oder einer Seegurke, auf jeden Fall etwas aus der Gattung der Wirbellosen. Wie er diesen Job bekommen konnte, bleibt Hermann und mir ein Rätsel. Vielleicht ist er einfach ein lethargischer Schwamm, der über gute Beziehungen verfügt.
Ein neues Abenteuer beginnt, als unser Bank-Boot an Fahrt aufnimmt und durch die braunen Fluten des Amazonas gleitet. Momente wie diese liebe ich: ein neuer Aufbruch und irgendwo, da hinten, die Verheißung auf eine neue, spannende Geschichte. In Momenten wie diesen scheint mir alles möglich, eine neue Zukunft, ein neues Leben öffnet sich vor mir und flüstert mir süße Versprechen zu. Ich strecke mich in einer Hängematte aus, welche für mich auf Deck befestigt wurde. Das leichte Auf und Ab macht mich schläfrig und so vergeht die Zeit in einem diffusen Dämmerzustand zwischen Wachen und Schlafen.
Wir sind am Ziel. Gähnend blicke ich mich um, schon lange befahren wir nicht mehr den breiten Fluss, sondern einen seiner viel schmaleren Seitenarme. Auf einer Halbinsel gibt es die Möglichkeit anzulanden. Zum Glück ist die Regenzeit seit wenigen Wochen vorüber. Das Gebiet ist leicht überschwemmt und einige Bäume befinden sich zur Hälfte im Wasser des Flusses, ihre Äste wie eine Warnung aus dem braunen Wasser gen Himmel ragend. Hermann, Wayne und ich begeben uns von Bord. Hermann und ich wollen uns einen Überblick über unsere Zielgruppe verschaffen und exemplarisch ein Indianerdorf etwas weiter im Landesinneren aufzusuchen. Hier wollen wir mit den Menschen sprechen und dabei etwas über ihren Alltag erfahren. Wayne schätzt die Entfernung auf etwa drei Stunden Fußmarsch. So bereiten wir uns auf einen kurzen, aber strapaziösen Fußmarsch vor, nehmen entsprechend das Nötigste mit und betreten den Urwald.
Vom Regenwald des Amazonas als Urwald zu sprechen, ist indes nicht ganz korrekt, denn Funde eines von Menschen hergestellten schwarzen Düngers, der „terra preta“, belegen, dass es sich bei dem uns bekannten Wald, ursprünglich wohl um eine von Menschen errichtete Kulturlandschaft handelt. Da die Kultur, welche diese Leistung vollbrachte, keine steinernen Gebäude errichtete, erodierten ihre Spuren mit rasanter Geschwindigkeit und schließlich legte sich der Mantel des Vergessens über das Vermächtnis dieses Volkes. Solcher Art sind die Gedanken, wenn man hinter einem, wenig vertrauenserweckenden Führer durch einen schwülen, dampfenden Wald stapft. Und wieder einmal wiederholt sich die Erfahrung, dass der Urwald neben exotischen Plagegeistern auch die ganze Palette der bekannten Blutsauger bereit hält, nur etwa fünf- bis zehn Mal größer als in Deutschland. Ich spüre einen fiesen Stich auf meinen Rücken und erwische eine gigantische Bremse, die es mühelos geschafft hat, mich durch Hemd und T-Shirt hindurch zu peinigen. Die Stunden vergehen wie Kaugummi, aber irgendwann scheint die Zeit ihre Bedeutung zu verlieren und so stapfen wir schweigend weiter, hoffend, das durch unsere Bewegung wenigstens etwas weniger Ungeziefer die Chance hat uns zu malträtieren. Plötzlich erkennen wir, dass sich die Nacht an uns wie ein Raubtier herangeschlichen hat. Kaum spürbar ist es um uns herum dunkler geworden und schon bald werden wir in völliger Dunkelheit irgendwo im Nichts stehen. Die Erkenntnis trifft mich wie ein Blitz und fassungslos, ob der Unfähigkeit unseres Führers, blicke ich mich in einem Anflug von Panik im immer düster werdenden Gewimmel von Baumstämmen, Ranken und Gewächsen um. Gerade noch kann ich eine riesige Spinne schemenhaft erkennen, welche, wahrscheinlich in Vorfreude auf die kommende Nacht, über meine Füße huscht. Hermann und ich stellen Wayne zur Rede, der wenig überraschend, unseren Fragen ausweicht und uns mit vagen Versprechen zu vertrösten sucht. Uns wird klar, dass wir unsere Leben in die Hände eines Vollidioten gelegt haben und wir uns mitten in einer der unwirtlichsten Gegenden der Welt befinden, auch wenn diese irgendwann einmal eine Kulturlandschaft einer untergegangenen Indianer-Zivilisation war.
Die Nacht hat alle Erwartungen, welche man an einen handfesten Alptraum haben kann, locker überboten. Besonders kurios ist der knapp sechsstündige Regenguss gewesen, welcher beschlossen hat, das Ende der Regenzeit einfach zu ignorieren und der es durch seine Ausdauer geschafft hat, uns so zu durchnässen, dass alle unsere Handys durch das eindringende Regenwasser die Beine durchstreckten. Eigentlich habe ich diese spezielle Nacht nur mit einer Art von Selbsthypnose überstanden, in der ich mir einredete, das mich in Wirklichkeit mit einem Glas Luganer am Garda-See befinde und die nächtliche Umgebung einfach nicht wirklich real sei. Unsere Stimmung ist auf dem absoluten Nullpunkt, und hellt sich kurzfristig nur etwas auf, als Wayne bei einem Versuch einen Tümpel auf einem umgestürzten Baumstamm zu queren, auf diesen ausrutscht und in die darunterliegende Kolonie elektrischer Aale landet. Durch die Stromschläge führt er eine Art Breakdance auf-sehr lustig anzusehen, insbesondere wenn man sonst nichts zum Lachen hat. So geht es weiter und wir haben noch Glück gehabt, denn wir schrecken keine Buschmeister oder Korallenschlange auf, deren Biss den sicheren Tod bedeutet hätte. Schweigend folgen wir Wayne durch den Busch, jeder in seinen eigenen finsteren Gedanken gefangen.
Ohne Vorwarnung befinden wir uns plötzlich auf einer Lichtung, die so unvermittelt aus dem Wald hervorgeht, dass wir beinahe erschrecken. Die Szene hat etwas Surreales: dürre Hühner flattern in alle Himmelsrichtungen vor uns davon, während sich einige Schweine ungestört im Boden vor uns im Dreck wälzen. Und in einiger Entfernung starren uns einige Kinder an, als ob sie gerade den schwarzen … halt … weißen Mann sehen. Zum Glück werden wir vom Stamm gut aufgenommen. Und es ist für uns besonders beschämend, dass sie nichts für die Vorräte haben wollen, welche sie uns bereitwillig geben, obwohl sie selber kaum etwas besitzen. Wir bleiben zwei Tage und zwei Nächte und reden sogar über Bankdienstleistungen. Dann führen sie uns zurück zum Rio Urubú, nicht ohne uns vorher mit einem Festschmaus zu verabschieden. Gürteltier schmeckt nicht wirklich lecker, wenn man Hunger hat, geht es aber. Und außerdem ist es das einzige Lebewesen, außer dem Menschen, welches an Lepra erkranken kann.
Unsere Probleme sind aber noch nicht gelöst, da sich das Boot natürlich nicht mehr am vereinbarten Treffpunkt befindet, sondern wahrscheinlich bereits nach Manaus zurückgekehrt ist. Wir haben fiesen Hunger, und Wayne versucht an unsere Naivität zu appellieren, die notwendigen Lebensmittel von Mutter Natur´s reich gedeckten Tisch erhalten zu können(„Schaut diesen Pilz. Seht Ihr die Bisspuren? Seht Ihr ein totes Tier in der Nähe? Nein? Dann könnt Ihr den Pilz natürlich auch essen!“).
Unsere Laune erfährt immer neue Tiefpunkte und nach vier Tagen voller abwegiger kulinarischer Vielfalt (Piranha, Krokodil und – besonders widerwärtig: Affe), beschließen wir nicht mehr länger auf das Boot zu warten und auf eigene Faust flussabwärts zu fahren. Nach langem Hin und Her, setzen wir uns in einen ausgehöhlten Baumstamm und paddeln wie Vollhirnis den Fluss hinunter, um bei Indianern einen motor-getriebenen Einbaum chartern zu können. Zwei rudern, einer schöpft das eindringende Wasser aus unserem Gefährt. Gezwungenermaßen nehmen wir Kurs auf die erste Hütte: eine ärmliche Behausung, aus groben Brettern roh zusammengezimmert. Plötzlich hallt ein Schuss über den Strom, das Wasser neben uns peitscht zischend auf. Wir heben wie in einem schlechten Film die Hände. Sehr langsam rudern wir ans Ufer. Während Wayne verhandelt, stehe ich mit einem Bein in unserem Einbaum, das andere am Ufer. In Ermangelung einer Müllabfuhr, lagert unter mir im Wasser der Müll aus mehreren Jahrzehnten Indianer-Alltag. Erst kaum spürbar, dann immer schneller treibt das Boot durch die Strömung fortgezogen vom Ufer weg, ich schwanke, dann falle ich in die Drecksbrühe. Kurz danach kommt Wayne zurück: der Indianer hat nicht genug Benzin. Ich fühle mich, als ob ich sämtliche Parasiten Süd-Amerikas in mir aufgenommen hätte und bin entsprechend schlecht drauf. Wir müssen weiter. Bei der nächsten Hütte werden wir von der Frau des Hauses empfangen. Der Hausherr ist auf Jagd. Wayne und die Indianerin turteln rum. Wir sind kurz davor ihn zu töten. „Ach, Ihr Europäer, keinen Sinn für eine gute Gelegenheit.“ Gerade will ich ihn mit bloßen Händen erwürgen, da kommt unser Bank-Boot, wie durch ein Wunder seelenruhig um die Flussbiegung geschippert. Wayne, und auch wir, sind gerettet.
10.B. Ich warte auf Rettung oder eine Gelegenheit zur Flucht.
Viele Wochen später erscheint unter der Rubrik „Aus aller Welt“ eine kurze Mitteilung in einigen Tageszeitungen:
Sanaa/Jemen: Wie das Auswärtige Amt heute morgen mitteilte, ist der seit fünfunddreißig Wochen entführte Entwicklungshelfer mit deutsch/norwegischer Staatsbürgerschaft bei einer missglückten Rettungsaktion der jemitischen Polizei im Kugelhagel gestorben. Der einheimische Fahrer des Entwicklungshelfers, der ebenfalls von den Entführern festgehalten wurde, erlitt das gleiche Schicksal. Im Schusswechsel starben weiterhin nahezu alle vierzehn Entführer und auch zwei Polizisten erlagen ihren schweren Verletzungen. Die anscheinend mit der Aktion hoffnungslos überforderte, jemitische Polizeipräfektur ist nicht willens, Einzelheiten zum Verlauf dieses blutigen Fiaskos preiszugeben und begrenzt sich in ihrer Informationspolitik nur auf Angaben zur Zahl und Identität der Opfer.
Immer wieder wurden entsprechende Lösegeldforderungen von den Entführern an die deutsche Regierung gestellt, welche aber eine Zahlung kategorisch ablehnte. Ein Regierungssprecher erklärte dies, mit der Absicht, keinen Präzedenzfall schaffen zu wollen. „Man verhandle grundsätzlich nicht mit Terroristen“ hieß es unisono aus allen Fraktionen in Berlin. Kritiker führen diese starre Haltung der Regierung aber auch der Opposition auf die geringe geopolitische Bedeutung des Jemen zurück, welcher mit Abstand das ärmste Land in der Region sei. Das Fehlen jeglicher Bodenschätze und fatale Strukturprobleme lassen befürchten, dass sich an diesem desillusionierenden Zustand auch langfristig kaum etwas ändern wird. In der jüngsten Vergangenheit ist die Entführung internationaler Helfer eine lukrative Einnahmequelle lokaler Warlords, mit denen sie Waffenkäufe u.a. bei deutschen Rüstungsherstellern finanzieren.
ENDE
